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Jetzt kommt Post aus Washington

17. Januar 2007

Regelmäßige FTD-Leser kennen Sebastian Dullien und seine Beiträge zur Weltwirtschaft in der Zeitung. Derzeit ist der Kollege in Washington als Fellow an der Johns-Hopkins-University – und schickt ab und an jetzt auch mal Post ans WirtschaftsWunder. Zum Beispiel darüber, warum in den USA derzeit der sinkende Ölpreis die Schlagzeilen beherrscht. Welcome!

Post aus Washington, von Sebastian Dullien

Während sich Europa Sorgen über die Liefersicherheit seiner Energie aus Russland macht, beherrscht hier ein ganz anderes Thema die Schlagzeilen: Der rapide fallende Ölpreis. Schon bevor sich gestern Saudi-Arabien gegen Forderungen anderer Ölförderländer wandte, die Ölförderung weiter zurückzufahren, hatte der Ölpreis gegenüber seinem Höchststand im vergangenen Juli rund ein Drittel verloren. Der Widerstand aus Riad gegen weitere Förderbeschränkungen schickte den Ölpreis gestern noch einmal auf Talfahrt.

Im Schnitt liegt der Preis für eine Gallone (3,8 Liter) Benzin in den USA inzwischen wieder bei nur noch gut 2,20 $, gut ein Viertel niedriger als zu Rekordzeiten. In einzelnen Bundesstaaten fiel der Preis sogar unter die psychologisch wichtige Marke von 2 $ pro Gallone. Dabei dürfte der ganze Preisverfall beim Rohöl noch gar nicht ganz bei den Konsumenten angekommen sein. Erfahrungsgemäß folgen die Benzinpreise an der Zapfsäule den Rohölbewegungen nur mit Verzögerung.

Interessant ist auch, dass trotz des Preisverfalls inzwischen der aktuelle Ölpreis sogar höher liegt als jener für die Lieferung in einigen Monaten, was darauf hindeutet, dass inzwischen auch an den Finanzmärkten mit weiter fallenden Energiepreisen gerechnet wird. Gerade dies war in den vergangenen Monaten regelmäßig nicht der Fall gewesen. Damit steigen die Chancen, dass sich der Preisverfall als nachhaltig erweist.

Für die US-Wirtschaft ist dies ein äußerst willkommener Stimulus. Gerade die heimische Autoindustrie hatte in den vergangenen Monaten extrem unter dem hohen Ölpreis gelitten. Weil die US-Industrie nur wenige spritsparende Modelle im Programm hat, litt sie stärker als die Importeure unter den gestiegenen Benzinpreisen. Zudem bekommen die Konsumenten gerade in jenem Moment Kaufkraft in die Portemonnaies gespült, in denen sie nicht mehr von kontinuierlich steigenden Immobilienpreisen profitieren. In Washington wächst so die Zuversicht, dass sich die US-Wirtschaft in den kommenden Monaten von der Schwäche aus dem letzten Sommer erholt.

Welche Rolle der Benzinpreis für den durchschnittlichen Haushalt in den USA spielt, wurde mir am Wochenende wieder klar, als ich Freunde in Omaha besuchte, der Hauptstadt von Nebraska, eines vorwiegend ländliche geprägten Staates inmitten der USA. Weil mein Flugzeug etwas zu früh war, musste ich einige Zeit vor dem Flughafen warten, bis ich abgeholt wurde. Man hatte mir gesagt, ich würde von einem silbernen Minivan abgeholt. Von den Autos, die dort vorfuhren, war kein einziges ein Kleinwagen, wie wir ihn in Deutschland kennen. Sogar Mittelklassewagen oder (für deutsche Verhältnisse recht große) Minivans, noch vor 10 Jahren häufig in diesen Gegenden zu finden, waren in der Minderheit. Stattdessen dominierten große SUVs das Bild. Dafür fuhr immer wieder ein “Hummer”, ein großer Jeep, der ursprünglich fürs Militär entwickelt wurde, vorbei; ein Auto, das locker 25 Liter auf 100 Kilometern verbraucht. Und 100 Kilometer sind in Nebraska schnell gefahren. Allein der Weg vom Flughafen zum Haus meiner Freunde, gerade einmal am anderen Ende der 800.000-Einwohner-Stadt Omaha gelegen, dauerte rund 40 Minuten, und das bei leichtem Verkehr.

 

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