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Michael Heise – Drei Prozent Wachstum sind möglich

17. Januar 2007

Bislang galt, dass die deutsche Wirtschaft mittelfristig höchstens um ein Prozent noch wächst. Jetzt mehren sich die Anzeichen, dass es eher über zwei Prozent sind. Selbst drei Prozent Potenzialwachstum sind in Deutschland realistisch erreichbar.

Die konjunkturelle Krise zu Beginn dieses Jahrzehnts hat einen weitreichenden Restrukturierungsprozess mit deutlichen Veränderungen der Arbeitsbeziehungen in deutschen Unternehmen ausgelöst. Diese Veränderungen auf der Angebotsseite der Wirtschaft sind es, die den wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der gesamtwirtschaftlichen Lage in den letzten zwei Jahren geleistet haben.

Die Kapital- und Arbeitskosten sind in realer Rechnung über viele Jahre hinweg stabil geblieben, zeitweise sogar gesunken. Die Unternehmen haben ihre Wettbewerbsfähigkeit deutlich erhöht und trotz niedriger Preissteigerungen kräftige Gewinnsteigerungen erreicht.

Das Wachstum des deutschen Produktionspotenzials wird derzeit von den meisten Ökonomen auf 1 bis 1,5 % geschätzt. Dies steht auch im Einklang mit dem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 1,3 % im Zeitraum 1995 bis 2005. Gibt es Chancen, schnell auf einen dauerhaft höheren Wachstumspfad zurückzukehren? Unsere Auffassung nach, ja.

Ein Blick auf die Wachstumsbeiträge der Faktoren Arbeit und Kapital sowie auf die totale Faktorproduktivität zeigt, dass in den letzten zehn Jahren insbesondere der negative Wachstumsbeitrag des Faktors Arbeit von jährlich 0,2 Prozentpunkten kritisch war. Hierbei schnitt Deutschland auch international betrachtet außergewöhnlich schlecht ab. Angesichts der aktuellen Wende am Arbeitsmarkt und der strukturellen Änderungen der letzten Jahre rechnen wir zukünftig wieder mit positiveren Wachstumsbeiträgen.

In unserem Basisszenario für die nächsten Jahre unterstellen wir als Rahmenbedingungen für Deutschland, dass die Weltwirtschaft bis 2010 in etwa im selben Tempo wächst wie in den vergangenen fünf Jahren und keine geopolitische Risiken mit längerfristigen Auswirkungen eintreten. Die geplanten wirtschaftspolitischen Maßnahmen (Unternehmenssteuerreform) werden umgesetzt, aber keine weiteren großen Reformprojekte angegangen. Es wird zwar etwas höhere Lohnsteigerungen geben, im Ganzen bleibt die Lohnpolitik aber auf moderatem Kurs. In diesem Umfeld dürften Erwerbstätigenzahl und Arbeitsvolumen in den nächsten Jahren ähnlich wie bereits 2006 um rund ¾ % jährlich steigen. Der Wachstumsbeitrag des Faktors Arbeit beträgt dann rund ½ Prozentpunkt pro Jahr.

Vom Faktor Kapital ist selbst unter zuversichtlichen Annahmen erst in einigen Jahren wieder ein Wachstumsbeitrag zu erwarten, der dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre entspricht (0,6 Prozentpunkte). Das Niveau der Nettoinvestitionen ist derzeit immer noch niedrig, so dass es mehrere Jahre steigender Anlageinvestitionen bedarf, ehe die Expansion des Kapitalstocks wieder an die Zuwachsraten früherer Jahre anknüpft.

Demgegenüber bestehen gute Chancen, dass die totale Faktorproduktivität stärker als in den letzten zehn Jahren (1 Prozentpunkt) zum Wachstum beiträgt. Insgesamt rechnen wir in den nächsten Jahren insbesondere in den Dienstleistungsbranchen mit zunehmenden Anstrengungen zu Produktivitätssteigerungen. Dies dürfte auch zu einer noch rascheren Umsetzung technologischer Neuerungen führen, zumal die Finanzierungsfähigkeit vieler Unternehmen für die hierzu erforderlichen Ausgaben deutlich gestiegen ist. Im Jahre 2010 erwarten wir einen trendmäßigen Beitrag der totalen Faktorproduktivität zum Wirtschaftswachstum von 1,3 %.
In einigen Jahren dürfte sich beim Bruttoinlandsprodukt im Basisszenario somit ein Trendwachstum von rund 2 ¼ % einstellen – eine gemessen an den Wachstumsraten der letzten Jahre beachtliche mittelfristige Dynamik.

Unterstellt man zusätzlich die Umsetzung weiterer wichtiger Reformen wie z.B. die Reformierung des Arbeits – und Tarifrechts und die nachhaltige Liberalisierung des Dienstleistungsverkehrs in der EU, so könnte das Potenzialwachstum der deutschen Wirtschaft 2010 sogar an 3 % heranreichen (optimistisches Szenario). Zu jedem optimistischen Szenario gehört aber auch ein skeptisches: So könnten beispielsweise die nachhaltige Eintrübung der Weltwirtschaft und eine Wirtschaftspolitik, die markwirtschaftliche Lösungen ablehnt, auch wieder zu einem Rückgang des Potenzialwachstums auf etwa 1 % führen.

Michael Heise ist Chefvolkswirt von Allianz und Dresdner Bank

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