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Post aus Washington: Überschätzte IWF-Prognosen

24. Januar 2007

Blickt man aus Deutschland über den Atlantik zum Internationalen Währungsfonds (IWF), dann meist mit bewundernder Ehrfurcht. Dabei sind die Wachstumsprognosen der Fondsökonomen überhaupt nicht besser als jene der deutschen Konjunkturforscher – und den Washingtoner Experten ist das sogar bewusst.

Vor allem die halbjährlichen Prognosen des Währungsfonds haben es dem politischen Berlin dabei angetan: Sobald eine der großen Zeitungen in Deutschland die neuesten Projektionen der Washingtoner Ökonomen oder auch nur einen Entwurf davon in die Hände bekommt, werden diese breit, gerne auch auf der Titelseite, ausgeschlachtet. Auch die Politiker benutzen die Vorhersagen des Fonds mit Begeisterung: Fallen die Vorhersagen gut aus, führt der Finanzminister den IWF als Bestätigung seiner Politik an; fallen die Zahlen schlecht aus, verweist die Opposition auf diese Zahlen – zuletzt etwa FDP-Politiker, die noch weit ins Boomjahr 2006 hinein die pessimistischen IWF-Prognosen als Beleg für das Scheitern der Politik der großen Koalition anführten.

Die Aufmerksamkeit, die dem Fonds bei diesen Vorhersagen zuteil wird, steht dabei in keinerlei Verhältnis zur Treffsicherheit. Im Herbst 2005 noch sagten die Fondsexperten für Deutschland 2006 ein Wachstum von lediglich 1,2 Prozent vorher. Nach aktueller Messung waren es tatsächlich 2,5 Prozent, wobei möglicherweise die Zahlen sogar noch einmal nach oben revidiert werden. Auch als viele Bankvolkswirte ihre Prognosen im Frühjahr deutlich nach oben nahmen, zog der Fonds nur zögerlich nach. In der Jahresauswertung der FTD erreichte der IWF damit Platz 46 von 50 ausgewerteten Banken und Institutionen. Zudem ist die 2006er Fehlprognose beim IWF kein Ausreißer: Als wir Ende 2005 die Prognosen der wichtigsten Banken und Institutionen seit 2002 gemeinsam auswerteten, landete der Fonds auf Platz 40 von 45.

Wie ich in diesen Tagen in Washington erfahren durfte, sind selbst die Volkswirte beim IWF etwas befremdet, welch große Aufmerksamkeit ihren Prognosen zuteil wird. Natürlich freut man sich über die Publicity. Allerdings hätte man gerne, dass die Journalisten und die Politiker weniger auf die nackten Wachstumszahlen aus Washington blicken, sondern eher einmal die Analysen zu anderen Themen, etwa zur Nachhaltigkeit der Staatsfinanzen oder zur Stabilität des Finanzsystems mit ähnlicher Begeisterung aufnehmen.

Denn wie die Fondsexperten selber einräumen, sind sie bei der Wachstumsprognose nicht unbedingt besser als die großen unter den deutschen Forschungsinstituten, wie etwa das Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Nur rund vier Personen arbeiten in Washington an der Deutschlandprognose – bei der Gemeinschaftsprognose der deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute basteln in der Summe mehrere Dutzend Wissenschaftler an der Vorhersage. Hinzu kommt, dass den IWF-Prognostikern oft langjährige Erfahrung mit der Deutschland-Prognose fehlt. Damit sich die Ökonomen nicht zu sehr mit den Politikern und Beamten eines Landes anfreunden, was bei der IWF-Kreditvergabe nachteilig sein könnte, wechseln die Fonds-Ökonomen alle paar Jahre ihr Arbeitsgebiet. Die Experten, die derzeit am Deutschland-Desk arbeiten, haben so noch nie zuvor einen echten Aufschwung in Deutschland beobachtet – und deshalb möglicherweise auch diesmal die Wende verpasst.

Gerade Details in der Finanzpolitik oder Besonderheiten in der deutschen Statistik werden nicht an den Universitäten gelehrt und lassen sich nur durch langjährige Erfahrung erwerben. Dass etwa in Deutschland die Statistiker von Destatis einen Aufschwung zunächst systematisch unterschätzen, ist für viele Fonds-Ökonomen eine völlig neue Erfahrung. Viele der Experten in Kiel, aber auch die Volkswirte bei einigen Banken haben genau das schon im Aufschwung 1999/2000 erlebt – und können darum heute mit den Zahlen von Destatis besser umgehen. Der Fonds selber sieht deshalb seinen Vorsprung vor allem bei Themen, bei denen man von einem breiten Vergleich über viele Länder profitiert. Und das sind nun einmal nicht Konjunkturprognosen.

Anstatt wie üblich aus Berlin für die FTD über die Geschehnisse in der Weltwirtschaft zu berichten, nehme ich derzeit eine Auszeit und arbeite als Research Fellow am American Institute for Contemporary German Studies der Johns Hopkins-Universität in Washington, DC. Und weil man auch in der US-Hauptstadt viel Spannendes über Volkswirtschaft lernt, schreibe ich regelmäßig einen kurzen Brief nach Berlin.  

Von Sebastian Dullien

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