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Die Kolumne – Affen, Bäume, Boom

16. Februar 2007

Die Deutschen zweifeln seit Jahren, ob sie erfolgreich sind. Dabei ist die Frage längst nicht mehr ob, sondern warum sie in der Globalisierung so viel besser sind als andere.

Wenn es nach gängigen Lehrbüchern geht, müsste Deutschland zu den größten Verlierern der Globalisierung zählen. Die Lohnkosten sind hoch, die Regelungen des Wirtschaftslebens ziemlich kompliziert. Trotzdem boomen die Exporte, sind die Deutschen die Einzigen in der Industriewelt, die ihre Weltmarktanteile in den vergangenen Jahren gegen alle neue Konkurrenz gehalten haben. Trotzdem stellen hiesige Autohersteller wieder ein, während US-amerikanische vor der Grundsanierung stehen – und fängt Mercedes hochsymbolisch die Verluste von Chrysler auf.

Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern warum gerade die Deutschen mit der Globalisierung ganz offenbar besser klarkommen als Franzosen, Italiener und selbst Amerikaner. Und warum andernorts bereits darüber gestaunt wird, wie die Deutschen das machen; und was man von denen womöglich lernen könnte.

Manches deutet darauf hin, dass das mit klassischen Standortkriterien gar nicht erklärbar ist. Und dass Export- und Wachstumserfolge in der globalisierten Wirtschaft womöglich von ganz anderen Dingen abhängen, als es Ökonomen bisher vermuteten. Von Dingen, bei denen gerade die Deutschen – gewollt oder ungewollt – ziemlich gut sind.

Warum Ghana keine Computer herstellt

 

Den Verdacht nähren spannende neuere Studien von Ricardo Hausmann. Vor ein paar Jahren bereits fand der Harvard-Ökonom und Entwicklungsspezialist bei der Analyse unzähliger Wachstumserfolge der vergangenen Jahrzehnte heraus, dass es für all diese Positivbeispiele so gut wie keine gemeinsame Erklärung gibt – zumindest nicht nach gängigen Ökonomenkriterien. Seitdem sucht er nach neuen Erklärungsmustern. Mit eindrucksvollen Ergebnissen*.

Hausmann checkte bei Dutzenden Ländern, wie stark der jeweilige Entwicklungsstand mit Art und Zusammensetzung der eigenen Exporte zusammenhängt. Und ging dann der Vermutung nach, ob auf Dauer womöglich jene Länder Erfolg haben, die sich auf möglichst viele Produkte spezialisieren, bei deren Herstellung ähnliche Qualitäten und Rahmenbedingungen gefordert sind – und die zugleich möglichst hochwertig sind. Warum? Weil es dann einfacher fallen könnte, die Produktpalette anzupassen und aufzubessern, sobald es bei alten Produkten strukturbedingt Probleme gibt.

Es sei plausibel anzunehmen, “dass die menschlichen, physischen und institutionellen Fähigkeiten zur Herstellung von Wollhosen eher geeignet sind, um auch Woll-T-Shirts zu produzieren als Computerbildschirme”, so Hausmann. “Wenn ein Land auf die Herstellung von Sojaöl spezialisiert ist, wird es Wissen, Ausbildung und Infrastruktur brauchen, die relativ wenig nutzen, um Maschinen oder höherwertige Chemieprodukte herzustellen.” Da sei es schwierig, mit vorhandenen Mitteln rasch Wachstumssprünge zu machen oder nötigen Strukturwandel zu bewältigen.

Ein Wald mit (Produkt-)Bäumen

 

Für den Erklärungsversuch hat Hausmann ein wunderbares Bild kreiert. Der Weltmarkt sei eine Art Wald mit unzähligen (Produkt-)Bäumen, die sehr unterschiedlich verteilt seien. Da gebe es Flächen, auf denen nur ganz wenige Bäume stünden – Produkte, für die es wenig andere mit ähnlichen Herstellungsanforderungen gibt. Anderswo stehen die Bäume dagegen eng beieinander. Entscheidend sei, dass die Unternehmen nun wie Affen die richtigen Bäume besetzten – und vor allem, ob sie in einem dichten Teil des Waldes sitzen, in dem es viele Möglichkeiten gibt, auf andere Bäume überzuspringen.

Empirische Tests bestätigen Hausmanns Annahme: Zwischen den Ländern gebe es enorme Unterschiede, was die Kombination aus Dichte und Qualität der Produktpalette angehe. Und: Die Länder, deren (möglichst hochwertige) Produkte viele Verwandte haben, sind ziemlich systematisch erfolgreicher als andere. Je dichter der Wald, desto besser. Das erkläre, warum China und Indien so dynamisch seien, so Hausmann: Deren Exporte seien in ihrer Zusammensetzung sehr nah an den Anforderungen, die etwa für höherwertige Maschinen nötig sind. Ghanas Rohstoffproduktion sei dagegen sehr weit von dem weg, was man für anspruchsvollere Industrieexporte dringend bräuchte.

Hausmanns Affen-Bäume-und-Wald-Modell könnte erklären, warum es im Zweifel wenig hilft, noch so niedrige Kosten und flexible Arbeitsmärkte zu haben – wenn man einfach im falschen Teil des Waldes (fest-)sitzt. Beispiel Afrika oder Lateinamerika. Es könnte auch plausibler machen, warum gerade die Deutschen so gut in der Globalisierung mitmischen.

Deutscher Erfolg im dichten Wald

 

Legt man Hausmanns Auswertungen zugrunde, sind die Deutschen vor allem da gut, wo der Wald sehr dicht ist und die Produktpalette zugleich hochwertig: bei Maschinen, Chemieprodukten, Metallerzeugnissen und Elektrotechnik. Wer es verstehe, exzellente Maschinen zu bauen, könne vieles, was dazu nötig ist, auch beim Autobau nutzen – und umgekehrt. Deutsche Ingenieursqualitäten sind jeweils ähnlich prima einsetzbar.

Gerade fürs schnelle Reagieren auf globalisierungsbedingten Wandel könnte es sich damit für die Deutschen unverhofft auszahlen, dass Infrastruktur, Ausbildung und Rahmenbedingungen stark auf diesen Waldabschnitt hochwertiger Industriewaren ausgerichtet sind.

Nach neueren Studien ist es Teil des derzeitigen Erfolgs deutscher Unternehmen, ihre Produkte noch stärker auszufeilen und zu differenzieren. In der Sprache der Affen haben sie damit einfach selbst den eigens besetzten Waldabschnitt noch ein Stück dichter gemacht.

Mag sein, dass sich über die Waldbesetzung noch nicht abschließend auflösen lässt, warum genau die Industrie in den USA anhaltend abstürzt und in Deutschland viel dynamischer ist als in Italien oder Frankreich. Die Erklärungssuche beginne erst, so Hausmann. Seine These erklärt aber weit mehr als alle abgenutzten Standortfaktoren, nach denen die Deutschen weder enorme Exportrekorde noch Wachstumsraten von drei Prozent haben dürften.

* “Structural Transformation and Patterns of Comparative Advantage in the Product Space”, Ricardo Hausmann, Bailey Klinger, CID Working Paper 128, 2006http://www.cid.harvard.edu/cidwp/pdf/128.pdf 

 

Nachtrag am 20. Februar:

Heute hat die Deutsche Bank eine Studie von Thomas Mayer herausgebracht: “Der heimliche Champion der Globalisierung”. Darin führt Mayer noch eine Reihe weiterer Faktoren an, die eindrucksvoll darlegen, wieviel erfolgreicher die Deutschen gegenüber Amerikanern und anderen in der Globalisierung abschneiden. Lektüre lohnt: ChampionMayer.pdf

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