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Im Kreuzfeuer wirtschaftlicher Revolutionen

12. April 2007

Die Geschichte zeigt: Länder, die sich vom wirtschaftlichen Wandel abzuschotten versuchen, können nur verlieren.

Bisher hat die Welt drei große wirtschaftliche Revolutionen erlebt. Die Erste Industrielle Revolution, die im 18. Jahrhundert anfing, verwandelte die Gesellschaft, indem sie die Arbeit vom Bauernhof in die Fabrik verdrängte. Das alltägliche Leben änderte sich dadurch grundlegend: man lebte in den Städten statt auf dem Land. Konsum und Produktion wurden auseinander gerissen, der Arbeitsplatz trennte sich vom Haushalt, Unternehmen stellten sich auf Massenproduktion um.

Die Zweite Industrielle Revolution, die im 19. Jahrhundert statt fand, verschob einen erheblichen Anteil der Arbeit von der verarbeitenden Industrie zu den Dienstleistungen. Wieder einmal mussten viele Menschen neue Fähigkeiten lernen, neue Arbeitsverhältnisse mussten geschaffen werden und Unternehmen mussten sich dementsprechend neu strukturieren.

Heutzutage erleben wir die dritte wirtschaftliche Revolution: die Informations- und Telekommunikations-Revolution. Die dadurch veränderten wirtschaftlichen Beziehungen führen zu einem Lohn- und Beschäftigungsgefälle zwischen hoch- und minderqualifizierten Arbeitskräften. Die beruflichen Abgrenzungen verändern sich, indem sie neue Kombinationen von Arbeitstätigkeiten ermöglichen. Es bilden sich oft neue, dezentralere Entscheidungsstrukturen in Unternehmen heraus.

Durch jede wirtschaftliche Revolution entstanden neue Handelsbeziehungen zwischen den Ländern der Welt. Und nicht nur Handelsbeziehungen: Vielmehr änderte sich im Laufe der Zeit auch die Definition dessen, was handelbar ist.

Es war einmal der Fall, dass nur Güter handelbar waren; Dienstleistungen waren örtlich gebunden. Unter den Gütern waren nur diejenigen handelbar, die man in einen Container stecken konnte. Arbeitnehmer, die solche Güter produzierten, waren dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt; die restlichen waren es nicht. Länder exportierten Güter in denen sie einen komparativen Vorteil hatten, insbesondere diejenigen Güter, die relativ leicht mit den länderspezifischen natürlichen Ressourcen (Holz, Eisen, Edelsteine, Kohle, usw.) oder dem physischen Kapital (Fabriken, Maschinen) zu produzieren waren.

Diese Regeln gelten nicht mehr. Viele Dienstleistungen sind handelbar geworden. Genauer gesagt sind alle Dienstleistungen handelbar, die elektronisch übermittelt werden können. Arbeitnehmer, die solche Dienstleistungen anbieten, sind jetzt dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt. Praktische Ärzte stehen nicht im internationalen Wettbewerb, weil ihre Dienstleistungen zum Großteil nicht elektronisch vermittelbar sind. Die Stellen der hiesigen Radiologen werden jedoch zunehmend gefährdet, weil Röntgenbilder und Diagnosen leicht über eine elektronische Leitung gesandt werden können.

Der internationale Handel wird nicht mehr ausschließlich – nicht einmal hauptsächlich – von komparativen Vorteilen bei natürlichen Ressourcen oder physischem Kapital bestimmt. Die wichtigsten komparativen Handelvorteile heutzutage beruhen auf Humankapital, das heißt, auf den Fähigkeiten der Arbeitnehmer und Arbeitgeber.  Die Handelsströme der Welt werden immer mehr von Unterschieden bestimmt, die sich in unseren Köpfen abspielen und immer weniger von denen in der Außenwelt.

Jede wirtschaftliche Revolution verursachte riesige gesellschaftliche Umschichtungen. Herkömmliche Jobs wurden vernichtet; neue entstanden aus dem Nichts. Die einzige Grundvoraussetzung fürs wirtschaftliche Überleben war der persönliche Wille und das institutionelle Vermögen, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Länder, die sich während der Ersten Industriellen Revolution weiterhin an die Landwirtschaft klammerten, konnten nur relativ wenig von den neuen technologischen Möglichkeiten profitieren. Die Länder, wo das gesetzliche und institutionelle Regelwerk zu inflexibel war, um eine Reorganisation der Arbeit, der Produktion und der Unternehmensstruktur zuzulassen, zahlten langfristig einen gewaltigen Preis durch nachhaltige Wachstumsschwäche. Dort, wo man – wie im Argentinien der Zwischenkriegszeit – versuchte, sich durch Protektionismus und rigiden Schutz von Arbeitsplätzen vom Wirtschaftswandel abzuschotten, sank der relative Lebensstandard.

Die jetzige Informations- und Telekommunikations-Revolution ist da keine Ausnahme. Die wirtschaftspolitischen Implikationen liegen auf der Hand.

Dennis Snower ist Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft

Von Dennis Snower

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