Startseite > Chefökonom > Ursachen des Aufschwungs (4) – die Lohnzurückhaltung?

Ursachen des Aufschwungs (4) – die Lohnzurückhaltung?

16. April 2007

Kaum einer hat den Aufschwung erwartet, aber alle wissen jetzt, warum es gar nicht anders kommen konnte. Zu den Top-Erklärungen zählt, die Lohnzurückhaltung habe den Boom gebracht.

Klar: Die enorme Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre zählt immerhin zu den wenigen Dingen, wo die Empfehlungen orthodoxer Ratgeber im Land tatsächlich einigermaßen konsequent umgesetzt wurden. Bei allen (anderen) Reformen rangen sich die Päpste der Ökonomie in den vergangenen Jahren höchstens zu schmallippigen Lobsätzen wie “geht in die richtige Richtung” durch.

Dass es in Deutschland in den vergangenen Jahren wie kaum sonst jemals Kostenkürzungen und Lohnmoderation gegeben hat, lässt sich eindrucksvoll zeigen. Nach OECD-Daten lagen die Löhne pro Beschäftigten in der Privatwirtschaft 2006 gerade 5,4 Prozent höher als 2000; im OECD-Schnitt stiegen sie im gleichen Zeitraum um 18,8 Prozent.  Damit stiegen die deutschen Löhne vor allem deutlich langsamer, als es der vermeintliche und maximale Verteilungsspielraum aus Produktivitätszuwächsen und Inflation ergeben hätte. Sprich: Die Lohnstückkosten lagen 2006 um 2,4 Prozent niedriger als 2001 – zieht man die Inflation ab, ergibt das eine noch viel eindrucksvollere relative Entlastung der Unternehmen. Zum Vergleich: Im Euro-Raum (inkl Deutschland) stiegen die Lohnstückkosten im Schnitt um 7,4 Prozent.

Mit einiger Wahrscheinlichkeit ist damit in der Tat eine Grundlage dafür geschaffen worden, dass die Unternehmen überhaupt wieder Geld hatten, um später dann auch zu investieren und Jobs zu schaffen. Ob in der Lohnzurückhaltung aber der wirklich entscheidende und auslösende Grund für den Aufschwung lag, lässt sich näher betrachtet bezweifeln.

Nach allen gängigen Statistiken hat die Lohnzurückhaltung in Deutschland im Grunde bereits vor gut zehn Jahren begonnen – ohne dass dies über Jahre hinweg auch nur ansatzweise Besserung am Arbeitsmarkt mit sich brachte. Schon seit 1995 hat es kein einziges Jahr mehr gegeben, in dem die Löhne in der Privatwirtschaft um mehr als zwei Prozent gestiegen sind. Selbst im Schnitt der Jahre 1992 bis 2001 erhöhten sich die Lohnstückkosten damit nominal um gerade einmal 0,6 Prozent, während sie im OECD-Schnitt gut sechs Mal so schnell wuchsen. Die Frage ist, warum das lange Zeit nicht einmal den Ansatz einer positiven Wirkung am Arbeitsmarkt zeigte – und, im Gegenteil, die Arbeitslosigkeit über Jahre hinweg fast ebenso atemberaubend auf neue Rekorde stieg, wie zugleich die relative Lohnbelastung nachließ.

Für die ersten Jahre nach 1995 hätte man noch sagen können, dass die Unternehmen erstmal die Lohnschübe des Einheitsbooms wettmachen mussten – seitdem hat die Zurückhaltung gegenüber allen Konkurrenten aber derart zugenommen, dass der relative Kostennachteil, der auf nationaler Ebene vor 1995 entstanden war,  längst überkompensiert worden ist. Und: Mit jeder weiteren relativen Besserung der Kostenposition für deutsche Betriebe hätte es – nach gängiger Arbeitsmarktlehre – dann zumindest auch eine irgendwie spürbare Besserung bei der Beschäftigung geben müssen. Das war nicht der Fall, was sich nur so erklären lässt, dass es andere Gründe für die anhaltende Krise gab, ebenso wie für den irgendwann dann doch einsetzenden Aufschwung.

Eine Erklärung ist, dass die mühsamen Wettbewerbsgewinne, die durch die Lohnzurückhaltung erreicht wurden, gleich mehrfach in den vergangenen Jahren durch enorme Aufwertungsschübe der Währung wieder zunichte gemacht wurden: Alles in allem hat der Euro zwischen 2001 und 2005 um immerhin rund ein Viertel aufgewertet, was deutsche Waren im Rest der Welt entsprechend drastisch teurer werden ließ – und neue Rationalisierungsschübe auslöste, die auf relativ brachiale Art dann wieder die Wettbewerbsfähigkeit herstellten.

So ließe sich auch erklären, warum die Deutschen am Ende Exportweltmeister wurden – und gleichzeitig lange Zeit mit einer der verheerendsten Binnennachfragetrends kämpfen mussten. Wer wegrationalisiert ist, konsumiert halt nicht mehr so sehr viel. Und: ohne Wachstum hilft auch die beste Lohnzurückhaltung nicht.

Kleines Zwischenfazit auf der Suche nach den wirklichen Aufschwungursachen: Die Lohnzurückhaltung war unter den gegebenen Währungsverhältnissen wahrscheinlich nötig, um die Wirtschaft überhaupt wieder  einigermaßen wettbewerbsfähig zu machen. Der richtige Aufschwung ging aber erst los, als diese Anstrengungen nicht mehr durch neue Euro-Aufwertungsschübe zunichte gemacht wurden – und sich aus einer Reihe anderer Gründe auch die Konjunktur besserte. Das war ab Ende 2004 der Fall, als der Euro seinen bisherigen Rekord von 1,36 $ erreichte und vorübergehend sogar deutlich an Wert verlor. Zufall oder nicht: Im Jahr danach begann jener beeindruckende Aufschwung, den die Deutschen seitdem erleben.

Fortsetzung folgt.

 Alle bisherigen Folgen finden Sie hier.

About these ads
Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 116 Followern an