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Die Kolumne – Aufschwung aus dem Zauberkasten

24. Mai 2007

Nach knapp zwei Jahren Boom kursieren in Deutschland die wildesten Theorien darüber, warum der fest eingeplante Absturz doch ausgeblieben ist. Eine eher peinliche Suche nach Ausreden – Teil 1

Komisch. Vor einem Jahr kursierten in Deutschland noch düsterste Absturzdiagnosen. Die Wirtschaft schien am Ende, und unsere Couch-Ökonomen wussten, warum es gar nicht anders kommen konnte. Jetzt folgt eine Aufschwungsensation der nächsten – und? Plötzlich kursieren immer wildere Erklärungen, warum das – ganz klar – so kommen musste und natürlich kein Wunder ist.

Das sei ganz normal, so ein Aufschwung, befindet jetzt Ifo-Chef Hans-Werner Sinn. Hoppla. Andere entdecken grandiose deutsche Reformen. Oder schwärmen entzückt von den ach so moderaten Gewerkschaften (welche vor Kurzem noch den nahenden Untergang des Abendlands verantworten mussten).

Die muntere Debatte wäre amüsant, bestünde nicht der Verdacht, dass die Experten mit ihren Krisendiagnosen und Ratschlägen einfach grundlegend falsch lagen. Trifft dieser Verdacht zu, wäre das nicht unwichtig: Könnte ja sein, dass sich die nächste Krise dann verkürzen oder vermeiden ließe. Und nicht wieder Hunderttausende ihre Arbeit verlieren. Dafür bräuchte man einen Neustart statt heilloser Ausreden für Falschprognosen.

Wundersam wechselnde Erklärmuster

Deutschlands Großdiagnostiker analysieren sich derzeit um Kopf und Kragen. Erst hieß es: alles nur die Konjunktur, ein Strohfeuer, kein dauerhafter Wachstumsschub. Faszinierende Wendung. Immerhin wurde davor jahrelang behauptet, die Deutschen hätten gar kein Konjunkturproblem, sondern ausschließlich strukturelle Probleme – und könnten daher auch nicht erwarten, dass es wieder aufwärtsgehe. Was denn nun?

Eher platt wirkt auch die Erklärung, der Aufschwung sei (nur) der boomenden Weltkonjunktur zu verdanken. Als hätte die nicht schon 2003 und 2004 geboomt, ohne dass das damals einen Anstieg der Arbeitslosigkeit in Deutschland auf fünf Millionen verhinderte. Vor zwei Jahren geisterte im Gegenteil noch durch die Plapperrunden, dass das Ausbleiben des Aufschwungs bei glänzender Weltkonjunktur belege, wie aussichtslos die Lage in Deutschland nunmal sei.

Ähnliches gilt für die plötzlich eifrig gelobte Lohnzurückhaltung. Immerhin steigen die Löhne schon seit mehr als zehn Jahren langsamer als die Produktivität und auch viel langsamer als bei der ausländischen Konkurrenz, ohne dass dies wenigstens relative Besserung gebracht hätte, wie es orthodoxe Lehrbücher vorsehen. Auch das kann nicht erklären, warum es gerade 2006 so viel besser ging.

Zu den Kuriositäten zählt eine Bundesregierung, die den Aufschwung mittlerweile wahlweise auf ihre unglaublich tolle Konsolidierung oder sonstige reformerische Großtaten zurückführt. Dabei regierte Schwarz-Rot noch gar nicht, als der Aufschwung im Sommer 2005 einsetzte. Damals gab es weder eine aktive Regierung noch irgendwelche Reformen. Das Wachstum kam exakt in der Zeit des maximalen politischen Stillstands, als erst Rot-Grün in den Schlaf fiel, dann Wahlkampf herrschte, anschließend die Neuen sich einfinden mussten und schließlich Trippelschritte beschlossen.

Entsprechendes gilt für die Sanierung. „Die Finanzpolitik hat 2006 etwa neutral gewirkt“, sagt Heinz Gebhardt, Finanzexperte des RWI-Instituts. Die Regierung hatte damals nämlich gar nicht vor, das Staatsdefizit zu senken. Die Besserung kam mit der Konjunktur. Und nicht umgekehrt.

Da hilft auch nicht, das unerwartete Wachstum jetzt – simsalabim – mit der wundersamen Spätwirkung der Agenda 2010 zu begründen. Jetzt, wo der Gerd weg ist. Die These ist schon deshalb gewagt, weil dieselbe Agenda vor Kurzem noch in Grund und Boden kritisiert wurde. Das sei „bei Weitem zu wenig“, polterte im Sommer 2005 der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther. Der Reformstau sei „trotz Agenda 2010 noch immer nicht aufgelöst“, weshalb wir „auf allen Wachstumsfeldern deutlich schlechter“ abschnitten als andere. Die führenden Institute sahen damals trotz Agenda einen anhaltend „rückläufigen Wachstumstrend“. Allen Ernstes.

Seitdem ist in Deutschland weit mehr als eine halbe Million versicherungspflichtiger Arbeitsplätze dazugekommen. Bei einem Wachstum von drei Prozent. Na so was.

Jobboom trotz Hartz IV

Natürlich boomt die Wirtschaft nicht deshalb plötzlich, weil wir agendabedingt 10 € Praxisgebühr zahlen, Handwerker nicht mehr unbedingt den Meisterbrief haben müssen oder die Renten nachhaltig stagnieren.

Es ist nicht mal nachweisbar, dass die Hartz-Reformen am Aufschwung irgendeinen Anteil hatten. In den Arbeitsmarktdaten ist bisher nicht erkennbar, dass offene Stellen dank eines erhöhten Drucks auf Arbeitslose schneller besetzt werden. Die Zahl unbesetzter Stellen ist selbst für Aufschwungverhältnisse seit 2005 enorm gestiegen. Viele Firmen finden einfach keine Fachkräfte mehr. Da hilft der größte Druck auf, sagen wir, schwer vermittelbare Schulabbrecher nicht viel weiter.

Natürlich hat die internationale Konjunktur geholfen. Und natürlich haben moderate Lohnabschlüsse oder gesunkene Steuersätze dazu beigetragen, Unternehmen vor der Pleite zu bewahren und schneller zu sanieren. Es gibt auch Reformen wie die Liberalisierung der Zeitarbeit, die geholfen haben, dass manche unvorbereitete Firma im Aufschwung 2006 schneller und flexibel wieder Arbeitskräfte fand.

Nur kann all das nicht ernsthaft und ursächlich erklären, warum die deutsche Wirtschaft bis Mitte 2005 angeblich noch nah am Abgrund stand – und seitdem fast alles anders scheint. Warum Arbeitslosenzahlen und Staatsdefizite entgegen (fast) allen Vorhersagen spektakulär sinken und die Wirtschaft dynamischer ist, als es nach den tristen Diagnosen je denkbar schien.

Das muss andere Gründe haben, und es könnte lohnen, ihnen nachzugehen. Dazu mehr nächsten Freitag.

E-Mail fricke.thomas@ftd.de

Eine ausführlichere Auseinandersetzung mit den diversen Aufschwungserklärungen der jüngsten Zeit finden Sie hier.

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