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Der Konjunktur-Bubble

8. Juni 2007

Das Produktivitätswachstum lahmt. Daher dürfte der Aufschwung in Deutschland nicht nachhaltig sein.

Wenn Sie eine Katze aus einem Hochhaus werfen, wird die Wucht des Aufpralls sie vom Asphalt abprallen lassen. Das wird sie lebendig wirken lassen, tot aber ist das arme Tier dennoch. Im Englischen ist dieses Phänomen als “dead cat bounce” bekannt.

Man traut es sich angesichts der überbordenden Aufschwungseuphorie in Deutschland kaum mehr zu schreiben: Aber die nur scheinbar lebendige Katze könnte eine erschreckend passende Metapher für den Zustand der deutschen Wirtschaft sein.

Natürlich, Deutschland erlebt einen Aufschwung. Wenn die gegenwärtigen Prognosen eintreffen, wird die Wirtschaftsleistung nach 2006 auch in 2007 und in 2008, also drei Jahre in Folge, real um mehr als zwei Prozent zulegen. Das ist – traurig genug – seit dem Wiedervereinigungsboom noch nie gelungen.

Aber sind wir damit schon in dem “Wirtschaftswunder 2.0″ angelangt, in dem “Der Spiegel” uns wähnt? Gibt es wirklich, wie Bundesfinanzminister Peer Steinbrück herausgefunden haben will, “viele Anzeichen” dafür, dass wir eine “lange andauernde Erholung” erleben?

Ein Aufschwung, zwei Erklärungen

Im Angebot haben die Aufschwungseuphoriker aus Politik und Medien zwei Erklärungen. Die eine lautet: Eine strukturelle Wachstumsschwäche hat es in Deutschland nie gegeben, die lange Flaute ist allein durch Sonderfaktoren wie die Baukrise und die fiskalische Belastung im Zuge der deutschen Einheit verursacht worden. Erklärungsvariante zwei ist: Ja, es hat strukturelle Probleme gegeben, die Hartz-Gesetze und dergleichen Reformen haben sie aber behoben.

In Wirklichkeit ist es, wie die Experten des Internationalen Währungsfonds in ihrem jüngsten Weltwirtschaftsausblick schreiben, schlicht “zu früh” für ein Urteil darüber, ob die gegenwärtige Dynamik mehr ist als ein zyklisches Phänomen – ob sie also mehr ist als eine vorübergehende Erscheinung, die allein getragen wird von der florierenden Weltkonjunktur und Nachholeffekten bei Investitionen und Binnenkonsum.

Große Zweifel an der Nachhaltigkeit des Aufschwungs nährt ein Blick in eine Statistik mit dem hübschen Namen JAB016. Sie wird von der Bundesbank erstellt, ist im Internet einsehbar – und wird von der Öffentlichkeit zu Unrecht kaum beachtet. JAB016 bildet die Produktivität ab, genauer: die saisonbereinigte Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigenstunde. Diese Größe ist, jenseits kurzfristiger Betrachtungen, der Bestimmungsfaktor für unseren materiellen Wohlstand schlechthin. Denn die Wirtschaftsleistung ist nichts anderes als das Produkt aus dem Volumen der geleisteten Arbeit und der Effizienz, mit der sie verrichtet wird.

Sicher: Angesichts der dramatischen Unterbeschäftigung, die weiterhin in vielen Regionen und Arbeitsmarktsegmenten herrscht, lässt sich das Arbeitsvolumen in Deutschland beträchtlich steigern. Doch selbst wenn es all die Verhärtungen und Fehlanreize auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht gäbe und die heute noch Erwerbslosen alle zur Arbeit willens und in der Lage wären: selbst dann könnte die Beschäftigung nur über wenige Jahre hinweg so rasant ansteigen wie in den vergangenen 18 Monaten.

Wirklich nachhaltig wäre der gegenwärtige Aufschwung nur, wenn er wesentlich von Produktivitäts- statt von Beschäftigungswachstum getragen wäre. Denn nur die Produktivität – nicht die Beschäftigung – lässt sich immer weiter steigern. Ein Beispiel: Vor 200 Jahren mussten noch 70 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland auf Bauernhöfen arbeiten, um die Ernährung der Bevölkerung auch nur halbwegs sicherzustellen; heute sorgen schon zwei Prozent der Erwerbstätigen für Überproduktion. Grund ist allein eine dramatisch gestiegene Produktivität in der Landwirtschaft.

Im Durchschnitt der vier Quartale des Jahres 2004 ist die Arbeitsproduktivität JAB016 zufolge gegenüber dem jeweiligen Vorquartal in Deutschland rückläufig gewesen. 2005 gab es einen Zuwachs, im Quartalsdurchschnitt um 0,5 Prozent. Und im Jahr 2006 wurden durchschnittlich 0,725 Prozent erreicht – so hoch war das Produktivitätswachstum nur in einem einzigen Jahr seit der Wiedervereinigung, nämlich 1996.

Nur: Dass diese Erholung von Dauer ist, lässt sich nicht sicher sagen. Im ersten Quartal dieses Jahres jedenfalls war die Arbeitsproduktivität wieder rückläufig, sie fiel um 0,8 Prozent. Das kann ein Ausrutscher gewesen sein, Produktivitätsstatistiken schlagen von Quartal zu Quartal häufig heftig aus.

Am Anfang schneller

Doch selbst wenn dem so wäre: Beeindruckend ist die deutsche Dynamik keinesfalls. Erstens ist es ein immer wieder beobachtetes Phänomen, dass das Produktivitätswachstum zu Beginn eines Konjunkturaufschwungs vorübergehend über dem längerfristigen Trend liegt. Vor allem aber: In jedem einzelnen Jahr seit 1996 ist die Produktivität im Quartalsdurchschnitt in den USA mehr als doppelt so schnell gewachsen wie in Deutschland im vermeintlich guten Jahr 2006. Daran haben auch die zuletzt relativ schwachen Produktivitätszahlen aus Amerika nichts geändert.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Das offiziell ausgewiesene Wachstum der Arbeitsproduktivität in Deutschland ist und bleibt armselig. Im historischen Vergleich sowieso. Aber auch im internationalen Vergleich. Und angesichts der beispiellosen Effizienzgewinne, die sich eigentlich durch die Revolution in den Informations- und Kommunikationstechnologien gegenwärtig erzielen lassen müssten, erst recht.

Solange sich das nicht ändert, steht die Erholung der deutschen Wirtschaft auf tönernen Füßen. Immerhin, es gibt noch die Hoffnung, dass JAB016 derzeit ein trügerisches Bild von der Wirklichkeit präsentiert. Was dafür spricht und was dagegen – dazu mehr in der kommenden Woche.

Olaf Gersemann ist Redakteur der FTD. Während des Sabbaticals unseres Kolumnisten Thomas Fricke schreibt er freitags an dieser Stelle. Die Fricke-Kolumne erscheint wieder ab Anfang August.

Von Olaf Gersemann

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