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Revolutionsangst unter Ökonomen (reloaded)

20. Juli 2007

Nachdem vor einigen Wochen unter den US-Volkswirten ein heftiger Streit darüber entbrannte, welche wissenschaftlichen Methoden akzeptabel sind (hier und hier), hat sich eine neue Debatte entzündet: Sind Volkswirte zu ideologisch auf Freihandel und freie Märkte getrimmt?

Besonders spannend an der Debatte ist, dass einige der wichtigsten US-Ökonomen wie der Ex-Vize-Notenbankchef Alan Blinder und der frühere Bush-Berater Greg Mankiw sich nun auf den Meinungsseiten der Zeitungen und in den einschlägigen Blogs heftige Vorwürfe an den Kopf knallen.

Begonnen hat alles mit einem Beitrag Blinders in der Zeitschrift Foreign Affairs  und der Washington Post im April und Mai diesen Jahres. In diesen Beiträgen wagte sich Blinder, in Frage zu stellen, ob durch das Offshoring von Dienstleistungsjobs aus den USA nach Indien oder China nicht doch übermäßig viele Verlierer entstünden, nämlich all jene Menschen, die ihren Job verlören und die im Zweifel ihr Leben lang keinen vergleichbaren Arbeitsplatz mehr bekämen. Zwar sprach sich Blinder mitnichten für protektionistische Maßnahmen wie Schutzzölle oder Investitionsbeschränkungen aus. Als erster renommierter Ökonom äußerte er jedoch öffentlich die Einschätzung, dass möglicherweise 30 bis 40 Millionen Amerikaner demnächst zu den Verlierern der Globalisierung zählen könnten und dass es im Gegenzug mehrere Jahrzehnte dauern könnte, bis die Amerikaner die vollen Vorteile aus dieser Jobverlagerung ziehen könnte.

Der ökonomische Mainstream nahm die (für den Normalleser ja durchaus harmlos scheinenden) Aussagen Blinders nicht freundlich auf. Mankiw äußerte in seinem Blog die Einschätzung, dass die Aussagen Blinders gefährlich seien, weil möglicherweise Politiker die falschen Schlussfolgerungen aus der Analyse ziehen könnten.

Erhitzte Artikel in der New York Times folgten, auch solche Großmeister der Ökonomie wie Larry Summers, George Akerlof oder Robert Reich meldeten sich zu Wort.

Inzwischen geht es bei der Debatte längst nicht mehr um die Frage, wer bei der Globalisierung möglicherweise gewinnt und wer zu den Verlierern gehört. Vielmehr geht es darum, ob Blinder „ein Abtrünniger“ ist, wie ihn viele Ökonomen nun betiteln, und ob eine Absicht dahinter steckt, dass Blinder seine ketzerischen Ideen nicht in ökonomischen Fachzeitschriften sondern in der populären Presse veröffentlicht hat. Mankiw scheint davon überzeugt („Alan Blinders Position stimmt praktischerweise mit jener seiner Partei [den Demokraten] überein.“). Implizit schwingt bei vielen anderen Ökonomen mit, dass Blinders Thesen in einer wirtschaftswissenschaftlichen Fachzeitschrift mit Gutachterverfahren ohnehin keine Chance auf Veröffentlichung gehabt hätte.

Blinder dagegen wirft nun seiner Profession vor, sich oftmals mehr von Ideologie als Theorie leiten zu lassen. Implizit greift er damit auch seinen Kritiker Mankiw an (Mankiw bekennt sich zu seiner Nähe zur republikanischen Partei.) Ökonomie sei „oft der Triumph der Theorie über die Fakten“, so Blinder weiter. Dies sei nicht nur der Fall bei der Frage nach dem Nutzen und möglichen ungewünschten Nebenwirkungen des Freihandels, sondern auch bei einer Reihe anderer Fragen, wenn es darum geht, ob der Staat in das freie Marktergebnis eingreifen sollte.

„Man verliert die Anerkennung als Ökonom, wenn man nicht sagt, dass jeder Eingriff in den Preismechanismus schlecht und Freihandel gut ist“, so das Fazit von David Card, einem Ökonomen von der Uni Berkeley, der mit seinen Forschungen zum Mindestlohn bekannt wurde, die der üblichen Lehrbuchmeinung widersprachen, dass ein höherer gesetzlicher Mindestlohn automatisch zu mehr Arbeitslosigkeit führt.

Von Sebastian Dullien

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