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Bradford DeLong: Die große Mäßigung

23. Juli 2007

In den vergangenen 20 Jahren ist die Weltwirtschaft so robust gewachsen wie kaum jemals zuvor. Vor allem den Zentralbankern gebührt dafür Dank.

 

Vor zwanzig Jahren wurde Alan Greenspan Präsident der amerikanischen Federal Reserve Bank. In diesen zwei Jahrzehnten stiegen die weltweiten Durschnittseinkommen rascher als jemals zuvor und auch Episoden von Massenarbeitslosigkeit verursachender Deflation sowie Wohlstand vernichtender Inflation hielten sich in bemerkenswert engen Grenzen. Lediglich Japans verlorene fünfzehn Jahre und die Härten des Überganges nach dem Kommunismus gelten als makroökonomische Katastrophen jenes Ausmaßes, wie sie in früheren Jahrzehnten mit deprimierender Häufigkeit auf der Tagesordnung standen.

Von dieser „großen Mäßigung“ war bei Amtsantritt Alan Greenspans nichts zu ahnen. Damals war die amerikanische Haushaltspolitik gründlich aus den Fugen geraten – noch mehr als heute.

Indien schien im Sumpf der Stagnation zu versinken. China wuchs zwar, aber der mittlere Lebensstandard lag nicht wirklich höher als in der Zeit der so genannten „goldenen Jahre“ in den frühen 1950er Jahren, nachdem Grund und Boden neu aufgeteilt wurden und bevor die Kollektivierung in der Landwirtschaft aus Bauern Leibeigene machte. Die Arbeitslosigkeit in Europa war gerade stark angestiegen und die „sozialistischen“ Länder waren mit rationaler Wirtschaftsentwicklung derart unvereinbar, dass deren politischen Systeme binnen zwei Jahren zusammenbrachen. Lateinamerika steckte nach dem Ausbruch der Schuldenkrise Anfang der 1980er Jahre selbst mitten in seinem verlorenen Jahrzehnt.  

Natürlich blieben die makroökonmischen Schocks auch in den Jahren nach 1987 nicht aus.  Der amerikanische Aktienmarkt brach im Herbst desselben Jahres aus technischen Gründen zusammen. Saddam Husseins Invasion in Kuweit im Jahr 1991 war ein Schock für den globalen Ölmarkt. In Europa brach 1992 das fixe Wechselkurssystem zusammen. Der Rest des Jahrzehnts war durchsetzt mit Kalamitäten wie der Pesokrise in Mexiko im Jahr 1994, der Krise in Ostasien in den Jahren 1997-98 und den Schwierigkeiten in Brasilien, Argentinien, der Türkei und anderswo. Das neue Jahrtausend begann mit dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 und den ökonomischen Folgen der Terroranschlänge vom 11. September 2001.  

Überdies drohen die heutigen globalen Ungleichgewichte sowie die Fehlbewertungen realer Wechselkurse nicht nur in eine leichte Rezession, sondern in eine schwerwiegende und lange Depression zu führen. Bis jetzt allerdings hat keines der erwähnten Ereignisse – mit Ausnahme der Vorgänge in Japan in den frühen 1990er Jahren und der Fehlschläge in den Transformationsländern östlich von Polen – eine dauerhafte Krise ausgelöst.  

Die Ökonomen haben drei Erklärungen parat, warum makroökonomische Katastrophen nicht mehr menschliches Leid verursachten und das Wirtschaftswachstum der vergangenen Generation nicht nachhaltiger beschädigten. Erstens, so argumentieren manche Ökonomen, hatten wir einfach Glück, denn es gab keinen Strukturwandel, der die Weltwirtschaft widerstandsfähiger gemacht hätte. Dieser Argumentation zufolge hatten wir einfach Glück im Spiel und haben fünf Mal hintereinander gewonnen.Wir sollten glücklich und dankbar sein, aber nicht erwarten, dass diese Glückssträhne anhält.

Zweitens haben die Zentralbanker endlich ihren Job gelernt. Dieser Theorie zufolge änderten die Zentralbanker bis 1985 ihre Ziele jedes Jahr. In einem Jahr versuchte man die Inflation unter Kontrolle zu bringen, im Jahr darauf war die Senkung der Arbeitslosigkeit das Ziel. Im nächsten Jahr versuchte man die Kosten der Refinanzierung von Staatschulden zu senken und im übernächsten richtete man sein Augenmerk auf die Wechselkurse um jenen Wert zu erhalten, der von den Politikern gewünscht wurde.  

In der Wirtschaftspolitik bedeutete dieser Mangel an weit blickender Entscheidungsfindung seitens der Zentralbanker einen ständigen Wechsel zwischen Stillstand, Beschleunigung  und Verzögerung. In Verbindung mit den normalen Schocks, welche der Weltwirtschaft zusetzten, schuf diese destabilisierende Sprunghaftigkeit die instabile Welt in der Zeit vor 1987. Aus diesem Grund fragten sich damals viele, warum jemand wie Alan Greenspan – der zuvor nur ein paar Jahre ein Regierungsamt bekleidete  – diesen Job wohl haben wollte.

Die dritte Erklärung ist, dass sich die Finanzmärkte beruhigt haben. Heute betrachten gut informierte, langfristig orientierte Investoren auf den Finanzmärkten Vermögenspreise größtenteils als rationale Erwartungen zukünftiger diskontierter Fundamentalwerte. Im Gegensatz dazu wurden die Finanzmärkte vor 1985 überwiegend von kurzfristig orientierten, einem Herdentrieb folgenden Händlern dominiert, denen es nicht um fundamentale Daten ging, sondern um eine Antizipation dessen, was nach Ansicht der Durchschnittsmeinung, die Durchschnittsmeinung sein werde und dies bereits zu prognostozieren, bevor es die Durchschnittsmeinung wusste. Daher konnten Zentralbanker nicht anders, als zu versuchen, eine Weltwirtschaft unter Kontrolle zu bringen, die von Schocks getroffen wurde, deren Ursache in den erratischen Veränderungen der Risikobereitschaft von Investoren und Händlern lag.

Wenn ich über diese drei Erklärungsversuche nachdenke, sehe ich keinen Hinweis, der auf die Richtigkeit der ersten These hindeuten würde. Wir hatten seit 1985 kein so großes Glück. Im Gegenteil: Gemessen an den Schocks im privaten Sektor und anderen Schocks, von denen die Weltwirtschaft getroffen wurde, hatten wir eigentlich Pech.

Ebensowenig sehe ich Beweise für die Richtigkeit der dritten Theorie. Es wäre schön, wenn unsere Finanzmärkte rationaler wären, als die vorangegangener Generationen. Aber ich erkenne keinerlei institutionelle Veränderungen, die darauf hindeuten würden.

Ich würde daher sagen, man ist gut beraten, auf jene Theorie zu setzen, wonach Zentralbanker heute geschickter und weit blickender agieren sowie auch weniger anfällig dafür sind, wankelmütig zu agieren oder von Politikern gegängelt zu werden, die ihnen jedes Jahr andere Zielsetzungen präsentieren. Möge uns dieser Zustand noch lange erhalten bleiben.

J. Bradford DeLong ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der University of California in Berkeley und war unter Präsident Clinton Staatssekretär im US-Finanzministerium.

Copyright: Project Syndicate, 2007.
http://www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

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