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Absturz eines Gagaindikators

21. August 2007

Wenn es einen Indikator gibt, der in der aktuellen Turbulenz ohne nennenswerten Erkenntnismehrwert ist, dann die gerade veröffentlichte ZEW-Konjunkturumfrage unter Finanzexperten, die monatlich für gagaeske Erregungen sorgt. Entsprechend egal ist, ob der Index heute nun von 10 auf fast minus 7 gefallen ist – oder nicht.

Bei der Befragung des ZEW werden fast 300 Analysten und institutionelle Anleger schlicht und einfach gefragt, ob sie glauben, dass sich die Konjunktur in sechs Monaten “verbessert”, “verschlechert” oder “nicht verändert” hat; der Index ist dann der Prozentsaldo aus Optimisten und Pessimisten. Und: das aktuelle Ergebnis spiegelt vor allem die Tatsache, dass etwas weniger Analysten damit rechnen, dass die (glänzende) Konjunktur sich nochmal bessert. Was wirklich an sich kein Drama wäre – eine unverändert glänzende Konjunktur ist ja auch nicht schlecht, um es vorsichtig auszudrücken. Fast 70 Prozent der Befragten rechnen damit, dass die deutsche Konjunktur in sechs Monaten noch genauso gut läuft wie bislang.

So lässt sich auch erklären, warum der Indikator mit einiger Regelmäßigkeit gagaeske Kapriolen schlägt, ohne dass dies reale Bedeutung hat. Etwa Ende 2006, als er auf Niveaus (minus 28,5) abstürzte, die er selbst in schlimmen Rezessionen (2001: minus 10) nicht erreicht hat – weil natürlich kaum ein klinisch lebender Analyst Ende 2006 ernsthaft antwortete, dass die Konjunktur nach Anhebung der Mehrwertsteuer im Januar besser laufen werde als kurz davor. Nur, was sagt uns das? Nichts. Außer, dass der Analyst mitdenkt. Natürlich gab es Anfang 2007 keine Rezession. Genauso wenig wie in den anderen Fällen, wo der ZEW-Index alle zwei, drei Jahre plötzlich Abstürze signalisiert, die gar nicht eintraten.

Schleierhaft bleibe ohnehin, was mit Konjunktur in der ZEW-Umfrage gemeint sei, sagt Matthias Rubisch von der Commerzbank. Die Wachstumsrate? Oder die Konjunkturlage gemessen am vermeintlichen Trendwachstum? Es sei anzunehmen, dass jeder der Befragten da etwas anderes drunter verstehe. Allein das führt die Ergebnisse schon leicht ad absurdum.

Welcher Unsinn dahinter steckt, lässt womöglich am eindrucksvollsten die Tatsache erahnen, dass kurz vor Veröffentlichung der ZEW-Umfrageergebnisse immer Analysten befragt werden, wie sie glauben, dass der ZEW-Index, also die Umfrage unter Analysten, also ihnen selbst, ausfällt. Wobei im Kern dann in einer Art Selbstbefragung ein paar Dutzend Analysten befragt werden, die auch vom ZEW befragt werden – ein Fall für die Klinik. Und das Schönste ist, dass die beiden Ergebnisse dieses Beschäftigungsexperiments in aller Regel stark voneinander abweichen.

So wie heute, wo das ZEW-Umfrageergebnis mit minus 6,9 deutlich schlechter ausfällt, als es die befragten Analysten selbst dachten (die laut Bloomberg-Umfrage im Schnitt nur mit minus 1,5 rechneten). Und so kommt es, dass de facto dann allen Ernstes gemeldet wird, dass die Analysten überrascht sind, wie pessimistisch sie sind – ohne dass sie das in der großen Mehrheit wirklich sind. Dabei ist es ziemlich absurd, daraus abzuleiten, dass die Lage schlimmer sei als gedacht; die Analysten haben nur Probleme, sich selbst einzuschätzen.

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