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Geldsorgen 2007

21. August 2007

An dieser Stelle lesen Sie im Wirtschaftswunder jeden Dienstag das Stück der Woche aus der FTD-Finanzmarktkolumne “Das Kapital”.    

Respekt, das ist wirklich ein großartiger Schachzug der Fed. „Um die Wiederherstellung von geordneten Finanzmarktverhältnissen zu fördern, hat das Direktorium vorübergehende Veränderungen der Diskontpolitik gebilligt. Das Direktorium genehmigt eine Kürzung des Diskontsatzes für Geschäfte mit erstklassigen Adressen, um die Differenz zwischen dem Diskontsatz und dem Zielsatz für Tagesgeld auf 50 Basispunkte zu verringern.“
Da die Kreditunruhen vermutlich erste Opfer zu fordern und die ohnehin schwache Realwirtschaft zu beeinträchtigen drohten, ist diese Notmaßnahme durchaus zu verstehen. Zyniker indes werden sich fragen, ob die Fed die Finanzmarktverhältnisse nur dann für geordnet hält, wenn die Schulden anderthalbmal so schnell steigen wie das BIP. Wenn Hauskäufer ohne geregeltes Einkommen den Kaufpreis zu 100 Prozent finanziert bekommen und keine Tilgungen zu leisten haben? Wenn Beteiligungsfirmen teure Übernahmen zu 90 Prozent mit billigen Krediten finanzieren? Wenn Finanzinvestoren ihr Eigenkapital um ein Vielfaches mit Fremdkapital hebeln, ohne Risikoaufschläge entrichten zu müssen? Wenn Aktien und Hauspreise ständig steigen? Wenn, kurzum, der Finanzsektor Gewinne von 3,9 Prozent des Nationaleinkommens einstreicht?
Um derlei zu erleichtern, wird das gute alte Diskontfenster jedenfalls so lange geöffnet, „bis sich die Liquiditätsausstattung des Marktes grundlegend verbessert hat“. Auch akzeptiert die US-Notenbank eine ganze Reihe von Sicherheiten im Tausch gegen Zentralbankgeld, wobei sie ausdrücklich „Hypotheken und verwandte Vermögenswerte“ erwähnt.

Verzweiflung

Das hat noch mehr Charme als das plötzliche Eingeständnis der Fed, der angespannte Kreditmarkt bedrohe die Realwirtschaft, sodass man jederzeit bereit sei zu handeln (das heißt, den Zielsatz für Tagesgeld zu senken), falls die Verwerfungen an den Finanzmärkten anhalten sollten. Dieses Versprechen ist ein wesentlicher Teil des – wirklich sehr ausgebufften – Gesamtpakets, da schon diese Versicherung die Akteure an den Finanzmärkten vorübergehend beruhigt, womit die Fed dringend benötigte Zeit gewinnt.
Aber zunächst zurück zu der Zusage, weiter alle möglichen Sicherheiten für Diskontkredite von bis zu 30 Tagen zu akzeptieren. Heißt das etwa, dass die Fed selbst Ramschhypotheken als Sicherheit annimmt? Die Liquidität würde damit tatsächlich sprunghaft steigen. Aber wenn man es ganz bis zum Ende denkt, liefe derlei bei Fortsetzung auf dasselbe hinaus, wie wenn der Staat den Banken faule Kredite mit Steuergeldern abkauft. Nur dass Joe Sixpack die Kosten einer Alimentierung von klammen Häuslebauern und Banken durch die Zentralbank nicht so einfach durchschaut. Denn die inflationäre Wirkung dieser Politik bekäme er ja erst verzögert zu spüren.
Wie zu befürchten, waren die Anleger von lang laufenden Staatsanleihen daher gar nicht so begeistert von der Notmaßnahme der Fed – obwohl sie tatsächlich noch keine entscheidende geldpolitische Lockerung darstellt, da die Geschäftsbanken das Diskontfenster ja nur im großen Maßstab nutzen werden, wenn ihnen der Wind ordentlich um die Ohren bläst.

Inflationierung

Und die Fed kann ja mal versuchen, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu stabilisieren, indem sie die Geldpolitik tatsächlich deutlich lockert. Gemessen am jederzeit fälligen „Money of Zero Maturity“ steigt die Geldmenge ohnehin schon um 9,3 Prozent, während die Lohnstückkosten sowie die Erzeugerpreise in einem Maße zulegen wie in den späten 80ern und selbst die Importpreise aus China mittlerweile anziehen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der Dollar einen weiteren Schlag versetzt bekäme – und die Turbulenzen an den Kapitalmärkten im Zuge der Auflösung spekulativer Yen-finanzierter Wertpapierkredite zunächst sogar noch zunähmen.
Ohnehin wären die Erfolgsaussichten einer geldpolitischen Lockerung wenn vielleicht nicht schlecht, so doch zumindest zweifelhaft. Werden die Banken, die inzwischen eh weit mehr Kredite als gewünscht in ihren Büchern haben, die hochdefizitären und verschuldeten US-Verbraucher rasch wieder mit den dringend benötigten Darlehen versorgen, bloß weil sie sich etwas günstiger refinanzieren können? Angesichts der jüngsten Erfahrungen und der mangelnden Aussicht auf eine weitere Aufblähung des Immobilienmarkts ist das mehr als fragwürdig. So leicht wie gehabt werden auch Hedge-Fonds, Beteiligungsgesellschaften und Firmen zweitklassiger Bonität keine Kredite mehr eingeräumt bekommen.
Bei einer Rendite auf inflationsgekoppelte fünfjährige US-Staatsanleihen von sowieso mickrigen 2,4 Prozent wird die Fed es dieses Mal jedenfalls schwer haben, den Abschwung aufzuhalten, zumal der bei Licht betrachtet selbst den Arbeitsmarkt längst erreicht hat.

Von Jörg Berens

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