Startseite > Out of Wirtschaftsdienst > Unschöne BIP-Details

Unschöne BIP-Details

28. August 2007

An dieser Stelle lesen Sie im Wirtschaftswunder jeden Dienstag das Stück der Woche aus der FTD-Finanzmarktkolumne “Das Kapital”.     

Von den üblichen statistischen Feinheiten abgesehen, scheinen die deutschen BIP-Zahlen für das zweite Quartal dem Szenario eines selbsttragenden Aufschwungs trotz der Wachstumsverlangsamung auf 0,3 Prozent keinen Abbruch zu tun. Der Konsum hat sich nach dem Mehrwertsteuerschock wieder etwas erholt, die Ausrüstungsinvestitionen nehmen nach wie vor kräftig zu, der Bau hat vor allem wetterbedingt einen Rückschlag hinnehmen müssen, und die Exporte steigen weiter ordentlich, wenn auch nicht mehr in dem Tempo der vergangenen beiden Jahre. Derweil hat sich in der Industrie der Zuwachs der Auftragseingänge aus dem Ausland im zweiten Quartal sogar wieder beschleunigt; mit 15 Prozent liegen sie fast doppelt so stark über dem Vorjahr wie die ebenfalls festen Inlandsbestellungen. Auch die Dienstleistungsbranche ist den Umfragen gemäß so optimistisch wie kaum je zuvor. Entsprechend liegt die Beschäftigung um 1,7 Prozent über dem Vorjahr, die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Stellen sogar um mehr als zwei Prozent.

Was kann da schon passieren, möchte man fragen. Zwei Aspekte geben zu denken. Wenn man das verfügbare Einkommen einmal um den Konsumdeflator bereinigt, ist es real gerade einmal um 0,3 Prozent höher als vor einem Jahr. Das Masseneinkommen – Nettolöhne und -gehälter zuzüglich monetärer Sozialleistungen – liegt real gar um ein Prozent unter dem Vorjahr und damit hinter dem Niveau vom zweiten Quartal 2000. Wenngleich der Globalisierungsdruck nach wie vor eine Rolle spielen mag, relativiert das die Qualität des Beschäftigungsaufbaus doch erheblich. Aufgrund der jüngsten Tariflohnvereinbarungen und dem zunehmenden Wettbewerb um Fachkräfte mögen die Einkommen nunmehr etwas stärker anziehen. Aber die kühnen Hoffnungen auf den deutschen Konsum könnten enttäuscht werden. Und wie etwa die schwachen Bauaufträge oder die jüngst wackeligen Inlandsbestellungen im Maschinenbau zeigen, kann von einer allgemein robusten Inlandsnachfrage eh noch keine Rede sein.

Unterdessen wären all die Erfolge der deutschen Wirtschaft undenkbar gewesen, wenn der Außenhandelsüberschuss über die vergangenen sieben Jahre nicht von 0,7 auf 6,6 Prozent des BIP gestiegen wäre. Neben dem diesmal industriell geprägten Weltwirtschaftsaufschwung geht der Exportzuwachs auch auf die Rationalisierungsbemühungen der deutschen Wirtschaft zurück. Aber bei einem Exportanteil von 46 Prozent des BIP ist leicht zu verstehen, warum Deutschland auf einen glimpflichen Ausgang der aktuellen Kreditunruhen hoffen muss – und zwar nicht nur aufgrund von dusseligen Bankenengagements.

Von Jörg Berens

About these ads
Schlagworte:
Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 118 Followern an

%d Bloggern gefällt das: