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Das plötzliche Ende des Carry-Trade

4. September 2007

An dieser Stelle lesen Sie im Wirtschaftswunder jeden Dienstag das Stück der Woche aus der FTD-Finanzmarktkolumne “Das Kapital”.

Die neueste an den Aktienmärkten herumgereichte Beruhigungspille ist schon köstlich. Nachdem die Währung Japans von 169 auf 156 Yen je Euro gestiegen ist, sei das Gros der berüchtigten spekulativen Yen-finanzierten Wertpapierkredite (Carry-Trades) aufgelöst, die Gefahr eines weiteren Verkaufsdrucks auf europäische Aktien von dieser Seite inzwischen also weitgehend gebannt, heißt es.

Das ist schon insofern blendend, als die Abwertung des Yen seit dem Herbst 2000 von 89,5 auf eben 169 Yen je Euro im Juli 2007 damit praktisch wettgemacht ist. Und wenn nun keine bösen Spekulanten mehr am Werk sind, entspricht der augenblickliche Wechselkurs sicher dem angemessenen Niveau. Den quirligen japanischen Hausfrauen, die neben den Finanzhasardeuren für die Yen-Schwäche verantwortlich gemacht werden, weil sie auf der Suche nach Rendite am liebsten in Europa investieren, wird schon nicht auffallen, dass die Mittelmeeranrainer höchstens noch bei Wein, Käse und Schinken mit den Japanern konkurrieren können. Denn von den fallenden industriellen Lohnstückkosten in Japan kriegen sie ja ebenso wenig mit wie von den steigenden in Italien oder Spanien. Dass die realen Exporte Italiens seit Anfang 2000 quasi stagnieren und auch jene Frankreichs und Spaniens kaum überzeugen, während die japanischen um drei Fünftel zugelegt haben, bleibt den japanischen Privatanlegern sicher genauso verborgen wie der japanische Leistungsbilanzüberschuss von mehr als fünf Prozent des BIP.

Mangels heimischer Alternativen kaufen die japanischen Hausfrauen also am liebsten europäische Auto-, Elektro- oder Maschinenbauwerte. Auch die hiesigen Wachstumsbranchen Versorger, Telekom und Pharma sind immer gern genommen – und selbst die soliden Finanzwerte und die krisenresistenten spanischen Bautitel. Auch angesichts der in Europa erhältlichen realen Bondrenditen von satten 2,2 Prozent nimmt man schließlich jedes Währungsrisiko in Kauf. Was soll schon passieren, solange Europa ein inflationsfreies Wachstum vorweist, während die Japaner nicht mal eine Leitzinsanhebung auf 0,75 Prozent zuwege bringen? Doch war das nicht die Frage, die sich neben den Hausfrauen auch die Finanzhasardeure immer gestellt hatten? Letztere werden ihr Weltbild doch nicht binnen Wochen über den Haufen geworfen haben. Immerhin ist der Yen-Kurs jetzt in einem ähnlich stabilen Gleichgewicht wie der US-Immobilienmarkt.

 

Von Jörg Berens

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