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AusSicht des Kapitals – Den Letzten beißen die Hunde

11. September 2007

Wie der US-Präsident den armen Häuslebauern im Land helfen könnte – und wie sinnvoll das wäre, lesen Sie hier.

Es werden sich schon Dumme finden, die einem den Kram später zu einem noch höheren Preis wieder abkaufen. Diese beliebte Börsentaktik aus den späten 90ern haben die Anleger acht Jahre später etwas modifiziert: Es werden sich schon Dumme finden, die das wirtschaftspolitische Hasardspiel der USA selbst dann nicht erkennen würden, wenn die Folgen schon unübersehbar geworden sind.

Das ist im Prinzip die einzige plausibel Erklärung für die Verzückung am Aktienmarkt nach der Ankündigung George W. Bushs, den bedrängten US-Häuslebauern unter die Arme greifen zu wollen. Die Einzelheiten des Vorhabens liegen weitgehend im Dunkeln. Aber im Grunde gibt es zwei Möglichkeiten.

Fall eins:

Die Maßnahmen haben praktische Relevanz, es werden also tatsächlich viele Hypothekenkreditnehmer per Staatsgarantie vor Insolvenz und Zwangsversteigerung bewahrt – und mit ihnen die finanzierenden Banken und Inhaber von obskuren Verbriefungsprodukten von Zahlungsausfällen verschont. So sehr der Staat auch versicherte, dass dies eine einmalige Hilfsaktion sei, bestünde allerdings die Gefahr, dass Kreditnehmer und -geber das Signal so auffassen: Haut weiter auf den Putz, denn wenn nur hinreichend viele mitmachen, steht der Staat im Fall der Fälle auch künftig für euch ein. Das Ergebnis wäre verheerend: eine ungezügelte Kreditsause. Und das bedeutete wahrscheinlich Stagflation, steigende Realzinsen, fallende Aktienkurse (in den 70ern sank der S&P 500 real um die Hälfte), Abwertung des Dollar sowie Verlust seiner Stellung als Weltreservewährung und von US-Geldschöpfungsgewinnen in dreistelliger Milliardenhöhe.

Um das zu vermeiden, werden bereits neue Kreditvergabevorschriften angedacht, die wieder nur an den Symptomen des Hypothekendebakels ansetzen – statt an seiner Ursache, der zu üppigen Geldversorgung der Wirtschaft. Doch was wäre die Konsequenz, wenn der Staat bestimmte, wer wann welchen Kredit erhält? Mit solchen Eingriffen in die Kreditversorgung liefe man Gefahr, der Marktwirtschaft die Lebensader abzuschneiden. Womöglich würde gar die Fed einseitig amputieren werden, denn wie könnte sie noch eine expansive Geldpolitik betreiben, wenn manche Kreditnehmer als regulatorischen Gründen überhaupt nicht mehr in den Genuss eines billigen Darlehens kommen können? Die US-Notenbank müsste den Zins in Notfällen also stark senken, um die gewünschte Stabilisierung dennoch zu erreichen. Zu befürchten wäre eine Kapitalfehlallokation großen Ausmaßes.

Fall zwei

Doch so kurzsichtig, derlei zu riskieren, kann nicht mal die jetzige politische Klasse in den USA sein. Deshalb ist Fall zwei weitaus wahrscheinlicher: Bushs Hypothekenrettungsmaßnahmen haben keine nennenswerte praktische Relevanz; die Arbeit übernimmt stattdessen Ben Bernanke. Ob der genügend Mittel hat, ein Platzen der Immobilienblase und damit eine Rezession zu vermeiden, ist heute allerdings ungewisser denn je. Denn die herkömmliche Munition der Fed, der Realzins, ist ja ohnehin weitgehend verschossen, während alle möglichen Blasen längst aufgebläht wurden und die Banken den hoch verschuldeten und defizitären US-Verbrauchern den benötigten Kredit aus freien Stücken auch bei günstigerer Refinanzierung nur widerwillig einräumen werden. Die Anleger müssen ihre Gegenspieler also schon für ziemlich unbedarft halten, wenn sie glauben, es würden sich genug Dumme finden, die diese Risiken bis zur letzten Minute übersehen.

An dieser Stelle lesen Sie im Wirtschaftswunder jeden Dienstag das Stück der Woche aus der FTD-Finanzmarktkolumne “Das Kapital”.

Von Jörg Berens

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