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Politik am falschen Platz

2. Oktober 2007

Linke wie rechte Ökonomen sehen durch die Kreditkrise ihre Vorurteile bestätigt – und gefährden mit ihren Forderungen langfristig den Wohlstand.

 

Während die Finanzkrise zunehmend auf die Stimmung der Unternehmen drückt und die Angst vor einem empfindlichen Wachstumsdämpfer wächst, frohlocken die volkswirtschaftlichen Kommentatoren: Ökonomen von rechts wie von links fühlen ihre Thesen durch die Ereignisse bestätigt und kämpfen nun um die Deutungshoheit der Krise.

Da ist zum einen das Lager der Altbundesbanker, unterstützt von der üblichen Allianz monetaristischer Bankvolkswirte und erzkonservativer Wirtschaftsfeuilletonisten. Dieser Ökonomenschlag hält es seit Langem für verantwortungslos, dass die US-Notenbanker den Leitzins nach dem Ende des New-Economy-Booms bis auf 1,0 Prozent gesenkt haben. Für diese Beobachter war schon die Geldpolitik der EZB über die vergangenen Jahre halsbrecherisch, weil diese nicht schon zügig 2006 die Zinsen auf ein „normales“ Niveau von mindestens vier Prozent angehoben hat. Sie machen die weltweit vermeintlich zu niedrigen Zinsen für ein übermäßiges Kreditwachstum verantwortlich, das nun unweigerlich in die Krise geführt habe.

Künftig müsse deshalb verhindert werden, dass die Geldpolitik für Versuche eingesetzt werde, das Wachstum zu stützen. Stattdessen müsse wieder stärker die Expansion der Geldmenge begrenzt werden, so das Credo.

Dann ist da das Lager der linken, kapitalismuskritischen Ökonomen. Diese Experten sehen den Grund aller Übel in den Finanzmarktderegulierungen der vergangenen Jahre. Nur weil die Banken Produkte wie Subprime-Hypotheken oder Kreditverbriefungen erfunden haben, konnte die aktuelle Krise entstehen, so ihre These. Ihre Schlussfolgerung: Der Finanzsektor gehört schleunigst wieder so reguliert, dass künftig keine schwer verständlichen Finanzinnovationen mehr entstehen.

Dass uns beide Entwicklungen – jene in den Zentralbanken wie jene in den Finanzmärkten – zu spürbar mehr Wohlstand verholfen haben, kommt in der selektiven Wahrnehmung der Ideologen nicht mehr vor. In den USA galt in den 90er-Jahren die Faustregel, dass die Inflation anziehen würde, sobald die Arbeitslosigkeit unter sechs Prozent fällt. Nur weil der damalige Fed-Chef Alan Greenspan diesen Glaubenssatz infrage stellte und den Zusammenhang neu testete, indem er die Zinsen niedrig hielt, als die Arbeitslosigkeit die Sechs-Prozent-Marke unterschritt, war ein Rückgang der Arbeitslosigkeit bis auf vier Prozent möglich. Mit einer Geldpolitik nach den orthodoxen Regeln hätte die Arbeitslosigkeit in den USA über das vergangene Jahrzehnt im Schnitt rund zwei Prozentpunkte höher gelegen – mit entsprechenden immensen Verlusten an Sozialprodukt und Wohlstand.

Auch die Finanzinnovationen haben ihr Gutes: Zwar mögen die Subprime-Hypothekenverträge zum Teil mit Drückermethoden an Menschen verkauft worden sein, die tatsächlich die Raten nicht bedienen können. Gleichzeitig aber hat die Entwicklung des Subprime-Sektors auch Millionen zahlungsfähigen US-Bürgern in außergewöhnlichen Lebens- und Einkommenssituationen geholfen, sich den Traum vom Eigenheim zu erfüllen. Wie der jüngst verstorbene frühere Fed-Gouverneur Ed Gramlich in seinem aktuellen Buch aufführt, haben davon vor allem Minderheiten wie Schwarze oder Hispanics profitiert, unter denen der Anteil der Hauseigentümer in den vergangenen zehn Jahren besonders stark zugelegt hat. Zudem trugen gerade diese Finanzinnovationen dazu bei, in den Jahren nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die amerikanische und die weltweite Nachfrage zu stützen.

Beide Positionen – jene der Linken wie jene der Konservativen – sind deshalb eigentlich nur unterschiedliche Ausprägungen des gleichen Phänomens: einer handfesten Fortschrittsfeindlichkeit. Die einen wollen neue Erkenntnisse der Wirtschaftswissenschaft nicht anwenden, weil diese möglicherweise zu viele Inflationsgefahren bergen. Die anderen wollen Innovationen am Finanzmarkt von vornherein einschränken, um alle Stabilitätsrisiken für das Finanzsystem auszuschließen.

Fortschritt kommt nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen. Das ist in klassischen technischen Bereichen ebenso der Fall wie bei den Finanzmärkten: Die Erfindung des Automobils hat natürlich zu mehr Unfällen und Toten im Straßenverkehr und zu Umweltverschmutzung geführt. Trotzdem ist das Auto für die Menschheit eine äußerst nützliche Neuerung gewesen und dürfte entscheidend zur enormen Wohlstandssteigerung des vergangenen Jahrhunderts beigetragen.

Würde man die Forderungen der Volkswirte auf das Autobeispiel übertragen, wäre schnell die Absurdität klar: Auf die Erfindung der Eisenbahn oder des Automobils hätte die eine Gruppe mit einer Forderung nach einem Verbot der „riskanten Technologie“ reagiert, die andere Gruppe hätte gefordert, man solle doch bitte dafür sorgen, dass die neuen Fahrgeräte niemals schneller fahren als die traditionellen Zweispänner.

Das alles heißt natürlich nicht, dass heute nicht darüber nachgedacht werden sollte, ob man die Finanzmärkte mit ihren Innovationen an der ein oder anderen Stelle stärker reguliert oder dass Zentralbanken bestimmte Übertreibungen etwa am Hausmarkt stärker im Blick behalten sollten. Auch für das Autofahren braucht man heute schließlich einen Führerschein und eine TÜV-Abnahme. Ein Rückschritt in die Finanz- und Zentralbankwelt der späten 80er-Jahre würde aber der modernen Gesellschaft ebenso wenig helfen wie das Verbot von Automobilen nach einer besonders hässlichen Massenkarambolage auf der Autobahn.

Von Sebastian Dullien

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