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Amartya Sen – Armut und Hungersnöte

4. Oktober 2007

Amartya SenWarum müssen heute noch Menschen verhungern? Die Standardantwort auf diese Frage lautet: Weil es nicht genügend Nahrung gibt. Doch mit dieser Erklärung wollte sich der indische Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen Anfang der 80er Jahre nicht mehr zufrieden geben.

Aus eigener Erfahrung wusste er, dass bei einer Hungersnot nicht alle Menschen gleich stark vom Nahrungsmangel betroffen sind. Als Kind erlebte er die Not der Menschen in Bengalen: Drei Millionen Menschen verhungerten dort in den Jahren 1943/44, aber Sen und seine Klassenkameraden, Angehörige einer privilegierten Schicht, bekamen hiervon so gut wie gar nichts mit. Dieses Kindheitserlebnis bestimmte Sens Arbeit.

In Poverty and Famines sucht er eine plausible Erklärung dafür, warum bestimmte Bevölkerungsgruppen verhungern, während es anderen in der gleichen Region viel weniger schlecht ergeht. Mehr noch: Hungersnöte können sogar ausbrechen, obwohl die Nahrungsmenge und die Bevölkerungszahl im Vergleich zu den Vorjahren gleich geblieben sind.

Sens Erklärung: Nicht nur auf die Nahrungsmenge, sondern auch auf die Zugangsrechte zur Nahrung kommt es an. Macht, Kaufkraft und Zugehörigkeit zu bestimmten Bevölkerungsgruppen spielen also eine Rolle. Für seine Beiträge zur Wohlfahrtsökonomie wurde Sen 1998 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geehrt.

Über den Autor

Amartya Sen sagt über sein Selbstverständnis als Wirtschaftswissenschaftler: "Wenn die Leute hören, dass ich Ökonom bin, fragen sie mich, wie sie ihr Geld anlegen sollen. Ich sage ihnen dann, dass ich dazu keinen Rat geben kann und dass mich vielmehr die Leute interessieren, die kein Geld haben, um es anzulegen."

Sen wird nach eigener augenzwinkernder Angabe bereits in einen Universitätscampus hineingeboren, und zwar am 3. November 1933 in Santiniketan in Westbengalen. Dort besucht er die Visva-Bharati-Universität des großen indischen Dichters und Gelehrten Rabindranath Tagore. Seine Studien in Mathematik und Wirtschaftswissenschaft setzt er 1951 am Presidency College in Kalkutta fort.

Danach zieht es ihn ins Ausland: 1953 wechselt er ans Trinity College in Cambridge – wo er erst einmal nachsitzen muss: Sein Bachelor-Abschluss aus Kalkutta wird hier nicht anerkannt. Nach einer Professur in Kalkutta, der Promotion in Cambridge 1959 und einer Forschungszeit am Massachusetts Institute of Technology in den USA wird ihm eine Professur an der Universität von Delhi angeboten. Sen nimmt an und bleibt bis 1971.

Seine weitere akademische Karriere führt nach London, Oxford, Harvard und wieder nach Cambridge. Seine Forschungsschwerpunkte: Wohlfahrtsökonomie, Social-Choice-Theorie und Theorien der wirtschaftlichen Entwicklung. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören On Economic Inequality (1973) und Poverty and Famines (1981). 1998 wird ihm der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen. Das jüngste Werk des mit rund 20 Ehrendoktortiteln dekorierten Wissenschaftlers ist 1999 unter dem Titel Development and Freedom (deutsch: Ökonomie für den Menschen) erschienen.

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