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Melvyn Krauss – Fehler der Falken

4. Oktober 2007

Obwohl der starke Euro den Aufschwung gefährdet, sperrt sich die EZB gegen niedrigere Zinsen. Damit schadet sie ihrer Glaubwürdigkeit.

Je mehr der französische Präsident Nicolas Sarkozy die Europäische Zentralbank (EZB) und den starken Euro kritisiert, desto mehr zieht er sich den Zorn von Europas Finanzministern, EU-Beamten und der EZB selbst zu. Sarkozys Kritiker haben recht: Der wahre Grund für Frankreichs derzeitige wirtschaftliche Schwäche ist seine mangelnde Wettbewerbsfähigkeit – auch innerhalb der Euro-Zone, in der der starke Euro als Faktor ausscheidet.

Vollkommen unrecht hat Sarkozy jedoch nicht. Über Europa zieht ein gewaltiges Unwetter auf, das den Euro so sehr in die Höhe zu katapultieren droht, dass selbst Deutschland als erfolgreichster Exporteur der Euro-Zone auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig ist. Wenn sogar die deutschen Exporteure bei 1,50 E pro Dollar nicht mehr wettbewerbsfähig sind, wie hoch sind dann die Chancen für die französischen Exporteure?

Der rasante Anstieg des Euro basiert auf mehreren Gründen. Ein beschleunigender Faktor ist, dass sich bei der US-Notenbank Fed ein dramatischer Sinneswandel bezüglich der Stärke der US-Wirtschaft vollzogen hat. Fed-Chef Ben Bernanke ist nun sehr besorgt, dass die Immobilien- und Hypothekenprobleme der US-Wirtschaft eine Rezession auslösen werden – es sei denn, die Zinssätze werden aggressiv gesenkt, selbst wenn das ein höheres Inflationsrisiko bedeutet. Dieser neue Kurs der Fed hat den Abstieg des Dollar auf neue Tiefstände eingeleitet. Angetrieben hat ihn wahrscheinlich auch das beträchtliche US-Leistungsbilanzdefizit.

Selbstverständlich würde eine Senkung der Zinssätze in der Euro-Zone den Fall des Dollar gegenüber dem Euro mindern. Das ist Sarkozys wichtigstes Argument. Aber die EZB hat nicht nur deutlich gemacht, dass die Zinssätze für sie nicht zur Debatte stehen. Auf ihrer heutigen Ratssitzung wird sie den Leitzins deshalb wohl unverändert lassen. Sie ist offensichtlich auch nur bereit, die ursprünglich für September vorgesehene Leitzinserhöhung zu verschieben, anstatt sie komplett aufzugeben.

Für die europäische Exportwirtschaft zieht damit ein gewaltiges Unwetter auf, denn sowohl Europa als auch Amerika betreiben – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – eine Geldpolitik, die den Euro in gefährliche Höhen treibt.

Die EZB-Falken in Frankfurt, die vor allem die Inflation im Blick haben, sind gar nicht glücklich über Bernankes aggressive Zinssenkung um 50 Basispunkte und dessen Versprechen, dass weitere Senkungen folgen werden. Dies tröstet EZB-Kritiker wie Sarkozy und setzt die EZB im Übrigen unter Druck, den Fokus der Zentralbank auf die Inflation wegen ihrer Folgen für den Euro aufzugeben.

Einige Zentralbanker sperren sich gegen diesen Kurswechsel, sie würden den Euro lieber steigen sehen. Nachdem Zinserhöhungen vom Tisch sind, ist der starke Euro vielleicht die einzige Möglichkeit, gegen die von ihnen gefürchtete Inflationsgefahr anzukämpfen.
Diese Politik ist jedoch unhaltbar, denn in einer geschwächten Wirtschaft wird genau der gleiche Inflationsdruck bestehen wie jetzt. Die bis vor Kurzem noch sinnvolle, auf die Inflationsrisiken ausgerichtete Zinspolitik entspricht daher überhaupt nicht mehr den aktuellen wirtschaftlichen Tatsachen.

Doch scheinen EZB und EU-Funktionäre partout nicht zugeben zu wollen, dass ihre Wirtschaft ins Wanken gerät – aus Furcht, dass dies das Vertrauen weiter schwächen und den Rezessionsdruck verstärken würde. Jede interpretierbare Zahl wird deshalb positiv verpackt. Und die Medien machen bei der Täuschung mit.

In Deutschland fällt der Ifo-Geschäftsklimaindex seit vier Monaten, doch laut Ifo-Institut „muss die EZB ihre Politik nicht ändern“. Der Wirtschaftsindex der Europäischen Kommission sinkt, die Einkaufsmanagerindizes sind ebenso wie die Umsätze im deutschen Einzelhandel auf Talfahrt.

Die europäischen Bürger werden einen hohen Preis für den Selbstbetrug und die irrige Politik ihrer Regierungen bezahlen müssen. Je länger die EZB sich vorrangig um drohende Inflation sorgt, desto steiler wird der darauf folgende wirtschaftliche Rückgang, wenn die Wirtschaft unter dem Gewicht des in die Höhe schießenden Euro zusammenbricht. Die aktuellen Zinssätze sind für die derzeitige Wirtschaftslage einfach zu hoch, obwohl sie niedriger sind, als es die EZB-Falken vor dem Ausbruch der Finanzkrise planten.
Ironischerweise wird die EZB die Zinssätze schneller und stärker senken müssen, da ihre Orientierung an drohenden Inflationsgefahren den Euro gefährlich in die Höhe treibt.

Es ist schädlich für die Glaubwürdigkeit der EZB, wenn es erst zu einem Crash kommen muss, um die Zentralbanker davon zu überzeugen, dass es in puncto Inflation nichts zu befürchten gibt. Die EZB ist nicht die alte Bundesbank, die ein derart hohes Ansehen und Vertrauen genoss, dass sie sich fast alles erlauben konnte. Für die EZB ist die Fehlertoleranz wesentlich geringer – und die Unterstützung seitens der Politik geht nicht so weit. Es reicht ein politischer Kapitalfehler, und dieselben Beamten, die jetzt Sarkozy für seinen Angriff auf die EZB kritisieren, werden ihm beipflichten.

Zwar mag der Maastricht-Vertrag die Unabhängigkeit der EZB formal garantieren – der Verlust der öffentlichen Unterstützung wird diese jedoch schmälern.

Melvyn Krauss ist Senior Fellow der Hoover Institution, Universität Stanford.
www.project-syndicate.org

FTD, 4.10.2007

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