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Europas schwindendes Gewicht

17. Oktober 2007

Europas Anteil am globalen Bruttosozialprodukt könnte bis 2040 von heute 22 auf nur noch fünf Prozent fallen. Ist Europa auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit?

Der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Robert W. Fogel kommt in einer aktuellen Studie zur künftigen Verteilung der Wirtschaftskraft in der Welt zu einem provokativen Ergebnis. Er vergleicht das Jahr 2000 mit seiner Prognose für das Jahr 2040. Im Jahr 2000 lebten in der Europäischen Union (EU-15) sechs Prozent der Weltbevölkerung. Sie erwirtschafteten 21 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts. Damit entsprach ihr wirtschaftliches Gewicht ungefähr dem der USA, mit fünf Prozent der Weltbevölkerung und 22 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. China stellte 22 Prozent der Weltbevölkerung und verfügte über 11 Prozent der Wirtschaftskraft. Dabei ist zu beachten, dass hier in Kaufkraftparitäten gerechnet wird. Bei einer Messung allein in Geldeinheiten würde das chinesische Bruttosozialprodukt niedriger erscheinen, weil viele Güter in China billiger sind als in Europa.

Für das Jahr 2040 prognostiziert Fogel eine dramatische Veränderung: Der Bevölkerungsanteil der EU-15 Länder wird von 6 auf 4 Prozent sinken, ihr Anteil am globalen Bruttosozialprodukt fällt von 22 auf fünf Prozent. Das ökonomische Gewicht Westeuropas in der Welt im Jahr 2040 würde damit dem Indiens im Jahr 2000 entsprechen. Der Anteil der USA an der Wirtschaftskraft fällt weniger, von 22 auf 14 Prozent, bei stabilem Bevölkerungsanteil. China hingegen wird seinen Anteil fast vervierfachen und 40 Prozent der globalen Wirtschaftskraft repräsentieren. Das entspricht ungefähr dem, was im Jahr 2000 Europa und die USA gemeinsam auf die Waage brachten. Dieser Prognose liegt ein jährliches Pro-Kopf Wirtschaftswachstum von 8 Prozent in China zu Grunde, gegenüber 2,8 Prozent in den USA und 1,2 Prozent in Europa. Die niedrige Wachstumsrate in Europa resultiert vor allem aus der Alterung der Bevölkerung.

Ein Blick auf die aktuellen Statistiken zeigt, dass die Zukunft bereits begonnen hat: Der Anteil Chinas an der weltweiten Wirtschaftsleistung wird nach IWF-Angaben 2008 bereits knapp 17 Prozent betragen. China ist bereits dabei, die EU 15 Länder (18 Prozent) zu überholen.

Dass die ökonomische Bedeutung Chinas derzeit rasant zunimmt, ist unumstritten. Über die künftige Entwicklung wird aber kontrovers diskutiert. Skeptiker bezweifeln, dass die derzeitigen Wachstumsraten zu halten sind. Die Bevölkerung werde bald mehr Mitspracherechte verlangen, und dies könne zu politischer Instabilität führen. Fogel hält dem entgegen, dass die politische Führung Chinas dieses Problem erkannt habe und reagiere. Die Kommunistische Partei dulde zwar keine anderen Parteien, beziehe die Bevölkerung aber zunehmend in die politische Willensbildung ein. Auch die wissenschaftliche Debatte über politische und ökonomische Fragen sei ähnlich offen wie in westlichen Demokratien. Eine politische Krise sei also nicht zu erwarten. Ob Fogel hier Recht behält, bleibt abzuwarten.

Hat Europa Grund, sich Sorgen zu machen? Gelegentlich wird behauptet, mehr Wachstum in Europa sei nicht erforderlich, die meisten Europäer lebten ohnehin im Überfluss. Darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein. Aber hier geht es um die Frage, welche Auswirkungen es hat, wenn andere Länder Europa in der Wirtschaftskraft hinter sich lassen. Zumindest wird es schwerer, die Interessen der Europäer in so wichtigen Bereichen wie der globalen Umweltpolitik und der Sicherheitspolitik zu wahren. Es stellt sich auch die Frage, ob Werte wie Demokratie und Menschenrechte global an Gewicht verlieren, wenn der Einfluss Europas abnimmt.

Für die EU-15-Länder ist die Studie ein Anlass darüber nachzudenken, wie die Interessen Europas in der Welt bei schwindender ökonomischer Bedeutung zu vertreten sind. Klar ist, dass die wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zu China intensiviert werden sollten.

Robert W. Fogel (2007), Capitalism and Democracy in 2040: Forecasts and Speculations, NBER Working Paper 13184.

Clemens Fuest ist Professor an der Universität Köln und dort Direktor des Finanzwissenschaftlichen Instituts. Er schreibt einmal im Monat an dieser Stelle.

Von Clemens Fuest

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