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AusSicht des Kapitals – Die Fed in der Zwickmühle

23. Oktober 2007

Viele glauben, dass die Fed neuerlich die Konjunktur stabilisieren soll und wird. Doch realwirtschaftlich könnten Zinssenkungen diesmal verpuffen, während sie das Inflationsrisiko noch vergrößerten.

Hatten wir auf der Handelsschule nicht gelernt, dass Umsatz gleich Menge mal Preis ist? Demnach hätten die US-Einzelhandelsumsätze mit Autos im September um knapp vier Prozent unter dem Vorjahr liegen müssen. Denn während der Absatz von Autos im Jahresvergleich um rund 2,4 Prozent gesunken ist, weist die Verbraucherpreisstatistik ja zudem einen Rückgang der Autopreise von 1,3 Prozent aus. Dem Einzelhandelsbericht zufolge setzten die Autohändler aber 4,7 Prozent mehr um als im Vorjahr. Dazwischen liegen mehr als acht Prozentpunkte. Für US-Verhältnisse sind erfreuliche Diskrepanzen wie diese nichts Besonderes. Doch selbst wenn man berücksichtigt, dass Absatz- und Ausstattungsstrukturverschiebungen einen Teil des Missverhältnisses erklären können, scheinen die in der Verbraucherpreisermittlung unterstellten Qualitätssteigerungen doch gewaltig zu sein.

Aber derlei Ungereimtheit ficht die Anleger zum Glück nicht an. Sie wollen lieber glauben, dass die ausgewiesene Inflation – genauer: Kerninflation – um fast drei Prozentpunkte unter der Zunahme der Lohnstückkosten liegt – und die Gewinne spätestens ab dem vierten Quartal dennoch wieder zweistellig zulegen. Denn der Anstieg der Gesamtinflation – jener inklusive Energie und Nahrungsmitteln – von 2 auf 2,8 Prozent im September sei ohnehin nur einem negativen Basiseffekt geschuldet, aufgrund dessen die HVB im November eine US-Inflationsrate von mehr als 3,5 Prozent wähnt. Dumm allerdings, dass dieser Basiseffekt uns schon bei den aktuellen Energie- und Nahrungsmittelpreisen noch ziemlich genau ein Jahr lang beschäftigen würde.

Wachstum vs. Inflation

Doch ansonsten sind die Inflationsrisiken ja überschaubar – so jedenfalls der Konsens. Der handelsgewichtete Dollar lag im September nominal ja auch nur um 5,6 Prozent unter dem Vorjahr. Die US-Geldmenge (MZM) steigt ja bloß zweistellig. Der ohnehin schon beträchtliche Anstieg der Importpreise von zuletzt 5,2 Prozent wird ja keineswegs dadurch verschärft, dass auch der globale Inflationsdruck aufgrund der im Rest der Welt brummenden Wirtschaft eher noch zunimmt (seit geraumer Zeit steigen sogar die US-Importpreise aus China). Die schwache US-Investitionsneigung hat ja nicht dazu geführt, dass die Industriekapazitäten im September laut Fed gerade noch um 1,9 Prozent über dem Vorjahr lagen, wobei die realen Güterexporte allerdings mit einer Rate von zehn Prozent zulegen.

Natürlich steht dem ein gewaltiger deflationärer Schock gegenüber. Denn wie die jüngsten Daten zu Baubeginnen, Baugenehmigungen und Baugeschäftsklima zeigen, befindet sich der US-Wohnungsmarkt weiter in einem regelrechten Sturzflug. Von den direkten Auswirkungen auf die Wirtschaft abgesehen, dürfte das insbesondere auch einen schwerwiegenden Vermögenseffekt zeitigen, da die Hauspreise fallen, während variabel verzinste Hypotheken reihenweise nach oben angepasst werden. Derweil steigen die realen Stundenlöhne des gemeinen Volkes bloß um 1,3 Prozent, wobei sich zudem das Beschäftigungswachstum sehenden Auges verlangsamt. Doch die Hoffnung, die Fed habe wie immer alles im Griff, mutet recht verwegen an.

Denn tatsächlich hat sie es diesmal schwer, einen Ausgleich von Inflation und Wachstum zu schaffen. Senkt sie die (eh mickrigen Real-)Zinsen weiter, dürfte das die Kreditvergabe nur bedingt anregen, da die bedürftigen, überschuldeten Verbraucher deswegen kaum neue Darlehen erhalten werden – zumal die Banken nun außerbilanzielle Verpflichtungen in ihre Bücher aufnehmen, was Kapital absorbiert. Hingegen könnte der Dollar einen weiteren empfindlichen Schlag davontragen. Und das triebe zunächst noch mal die Inflation.

 

Von Jörg Berens

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