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Heiner Flassbeck – Auf Kosten des Greenback

26. November 2007

Der Dollar fällt vor allem deshalb, weil Deutschland seinen Exportüberschuss massiv nach oben treibt. Europas Wirtschaftspolitiker haben das leider nicht verstanden.

Der amerikanische Dollar fällt wie ein Stein, und die Wogen in Europa gehen hoch. Mit 1,50 $ zum Euro liege der Dollar um 30 Dollar-Cent unter seinem fairen Wert, sagt man in Europa, und das gefährde Arbeitsplätze und die gute Konjunktur.

Man müsse intervenieren wie die Chinesen, sagen die einen. Man müsse die Chinesen disziplinieren, sagen die anderen. Besonders originelle Denker argumentieren, der niedrige Dollar helfe den Amerikanern gar nicht, also sollte die Europäische Zentralbank genau wie die chinesische eingreifen, um den Amerikanern zu zeigen, dass ein starker Dollar in ihrem eigenen Interesse ist.

Auch entdeckt manch einer der wirklich global verankerten Dollar-Philosophen, dass die Chinesen eine Aufwertung ihrer eigenen Währung brauchen, um die Inflation dort in Schach zu halten.
Japan wird in dieser Dreiecksgeschichte zwischen Europa, China und den USA meist ganz vergessen, obwohl der japanische Yen in den vergangenen drei Jahren fast immer abgewertet hat, trotz eines Überschusses in der japanischen Leistungsbilanz, der ähnlich hoch wie der Chinas ist.

Auch ein kleines Land wie die Schweiz kommt nie vor, obwohl der Schweizer Franken massiv gegenüber dem Euro gesunken ist – und das angesichts der Tatsache, dass die Schweiz, von einigen Ölförderländern abgesehen, den höchsten Leistungsbilanzüberschuss der Welt hat, im Verhältnis zum eigenen Bruttoinlandsprodukt jedenfalls.

In diesen Ländern kam die Abwertung vom Markt, also ohne direkt nachweisbare Eingriffe der Notenbank, und dann ist offenbar für die Europäer alles in Ordnung, selbst wenn das Ergebnis das gleiche ist, nämlich dass die Währung weit unter ihrem fairen Wert liegt und der Euro überbewertet wird.

Das Schlimmste aber ist, dass die Europäer ihre eigene Situation überhaupt nicht verstanden haben. Der Dollar fällt aus dem gleichen Grund wie in den vergangenen 35 Jahren: Er fällt gegenüber der Währung, in der die größte europäische Volkswirtschaft und die drittgrößte in der Welt handelt. Er fällt also wieder einmal, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu vermindern.
Und er fällt zu Recht, weil, wie so oft in diesen drei Jahrzehnten, Deutschland einen Wettkampf der Nationen veranstaltet und gewonnen hat, der schließlich nur mit einem amerikanischen Offenbarungseid in Form eines totalen Verfalls der amerikanischen Währung enden konnte.
Auch die Tatsache, dass es dabei zu erheblichen Kollateralschäden in den übrigen Ländern der Europäischen Währungsunion kommt, ist nicht ganz neu; seit Beginn der europäischen Währungszusammenarbeit war das schon häufiger der Fall. Allerdings gab es früher immer noch einen Rettungsfallschirm in der Form, dass die Währungen der betroffenen Länder abwerteten. Den gibt es heute nicht mehr, was die Sache mehr als problematisch macht. Darüber soll-ten die Europäer nachdenken, statt den armen Jean-Claude Juncker, den Chef der Euro-Gruppe der Finanzminister, als Speerspitze der Konfusion nach China zu schicken – wo er im besten Fall Achselzucken erwarten kann.

In keinem Land der Welt ist der Überschuss der Exporte gegenüber den Importen in den vergangenen Jahren so schnell gestiegen wie in Deutschland. Nachdem die deutsche Leistungsbilanz in den 1990er-Jahren vereinigungsbedingt in ein leichtes Defizit geraten war, begann im Jahr 2001 das unaufhaltsame Comeback des langjährigen Exportchampions.

Getrieben von Standortideologen und Basarökonomikern und mit massivem Druck aus der Politik und den Medien ließ man in Deutschland seit Mitte der 1990er-Jahre die Reallöhne nicht mehr mit der Produktivität steigen, weil man die eigene Wettbewerbsfähigkeit verbessern wollte. Das gelang.

Deutschland wertete gegenüber den meisten Ländern der Welt, einschließlich seiner Handelspartner in der Euro-Zone, massiv ab. In der Folge dieser realen Abwertung stieg der deutsche Leistungsbilanzsaldo, der im Jahr 2000 noch ein Defizit von 69 Mrd. E ausgewiesen hatte, auf einen Überschuss von mindestens 150 Mrd. E in diesem Jahr. Allein in den ersten drei Quartalen 2007 ist der Überschuss um fast 40 Mrd. E oder um 56 Prozent gegenüber dem entsprechenden Zeitraum des Vorjahres in die Höhe geschossen.

Dass der Dollar gegenüber dem Euro fällt, ist die einzig sinnvolle Antwort auf den Versuch Deutschlands, systematisch unter seinen Verhältnissen zu leben und anderen Ländern Marktanteile abzujagen. Folglich ist auch eine globale Lösung ganz einfach: Man kann nur auf faire Weise Handel miteinander treiben, wenn alle am Handel Beteiligten akzeptieren, dass sich Länder nicht niederkonkurrieren dürfen; tun sie es doch, ist früher oder später unweigerlich eine Abwertung der Währung des unterlegenen Landes fällig.

Mit anderen Worten: Innerhalb und außerhalb von Währungsunionen muss die Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften gewährleistet werden, muss folglich der sogenannte reale Wechselkurs auf längere Sicht konstant bleiben. Dass die Europäer dieses Prinzip für ihre eigene Währungsunion nicht verstanden und von Anfang an durchgesetzt haben, ist schlimm. Dass sie sich aber gegenüber dem Rest der Welt als währungspolitische Moralapostel aufspielen, ist lächerlich.

Heiner Flassbeck ist Chefvolkswirt der Uno-Organisation für Handel und Entwicklung (Unctad) mit Sitz in Genf.

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