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Spaltpilz starker Euro

19. März 2008

Bislang zeigt sich die EZB trotz des Höhenflugs der Gemeinschaftswährung gelassen. Dabei bedroht die Kursentwicklung die Stabilität der Euro-Zone. Die Zentralbank muss eingreifen.

 Der Euro eilt immer neuen Höchstständen entgegen. Am Montag wurde er kurzzeitig über 1,59 $ gehandelt. Es scheint nur eine Frage der Zeit, dass auch die 1,60 $ übersprungen werden. Binnen Jahresfrist hat die europäische Währung rund 20 Prozent zum Dollar gewonnen. Es gibt wohl keinen Indikator mehr, der nun nicht eine deutliche Überbewertung des Euro anzeigt.

Auch die Unternehmensvertreter in der Euro-Zone werden zunehmend nervös. Vor allem in Italien, Frankreich oder Spanien beklagen sich die Verbände zunehmend über den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit durch die hyper-starke Gemeinschaftswährung. Selbst der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück hat sich inzwischen von seinem Credo verabschiedet, nur ein starker Euro sei ein guter Euro.

Die Europäische Zentralbank gibt sich dagegen gelassen. Dabei ist die Euro-Stärke nicht nur das größte Risiko für den Aufschwung in der Euro-Zone, sondern könnte auch erneut Spekulationen über ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone aufwärmen.

Alle Erfahrungen der vergangenen Jahre deuten darauf hin, dass eine starke Euro-Aufwertung zumindest mit Verzögerung deutliche Folgen für die Wirtschaft nach sich zieht. Die kräftige Aufwertung um ebenfalls rund 20 Prozent 2003 dürfte entscheidend mit dazu beigetragen haben, dass der deutsche Aufschwung, der sich schon 2002 in Frühindikatoren abgezeichnet hatte, abbrach und erst Ende 2005 wieder an Fahrt gewann.

Der Verlust an Wettbewerbsfähigkeit setzt die Gewinnmargen der Unternehmen unter Druck und dürfte neue Kostensenkungsversuche anstoßen. Kostensenkungen bedeuten aber Lohnkürzungen oder Entlassungen. Das wiederum wird unweigerlich den Konsum bremsen und damit der Konjunktur in Europa gerade in jenem Moment einen Schlag versetzen, in dem die Auslandsnachfrage lahmt. Dass bislang die Stimmungsindikatoren etwa in Deutschland noch recht robust sind, sollte kein Grund zur Entwarnung sein: Erfahrungsgemäß wirken Wechselkursveränderungen nur mit einer Verzögerung mehrerer Quartale.

Wenn es nur um die Konjunktur ginge, wäre das alles noch nicht dramatisch. Kritischer ist, dass die Aufwertung die Unterschiede innerhalb der Euro-Zone noch einmal deutlicher werden lässt – und gerade jene Länder besonders trifft, in denen das Wachstum ohnehin schwächelt. Vor allem die Export- und Produktionszahlen aus Spanien und Italien deuten darauf hin, dass schon die Aufwertung aus dem vergangenen Jahr den Unternehmen in den Ländern schwer zu schaffen macht. Spanien steuert nach einem Platzen der Immobilienblase auf eine schwere Rezession zu. Die Euro-Aufwertung kommt dem Land mit einem Leistungsbilanzdefizit von rund zehn Prozent des BIP äußerst ungelegen, weil die Firmen ohnehin schwere Probleme mit der Wettbewerbsfähigkeit haben.

Vor allem aber erhöht sie den Zwang zu Kosteneinsparungen und Lohnsenkungen in den südeuropäischen Ländern. Spanien steht möglicherweise vor Jahren stagnierender Wirtschaftsleistung und fallender Reallöhne. Populisten könnten schnell das Thema eines Euro-Austritts auf die Agenda setzen – so wie es in Italien bereits nach der kräftigen Euro-Aufwertung 2004 geschehen ist. Ein Austritt aus dem Euro und eine kräftige Abwertung könnten relativ kurzfristig die verlorene Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen.

Dass diese Überlegung keine blanke Panikmache ist, sieht man auch daran, dass die Renditeunterschiede innerhalb der Euro-Zone zuletzt deutlich zugenommen haben. Derzeit liegen die Zinsen auf deutsche Staatsanleihen um 0,6 Prozentpunkte unter den italienischen – ein Abstand wie seit Einführung des Euro nicht. Interessant ist, dass Spanien inzwischen deutlich höhere Zinsen zahlen muss als die Niederlande – obwohl der holländische Schuldenstand ein gutes Drittel höher liegt. Anleger verlangen also offensichtlich eine höhere Risikoprämie auf spanische Anlagen.

Auch sollten die Europäer besser nicht darauf hoffen, dass die Amerikaner bald die Nerven verlieren und versuchen werden, den Dollar zu stützen. Zwar ist denkbar, dass die Amerikaner halbherzig mit Japanern und Europäern am Devisenmarkt intervenieren. Das sollte aber nicht verdecken, dass man sich in Washington vor allem um eine Krise im US-Finanzsystem und ein Wegbrechen der Inlandsnachfrage sorgt. Gegen beides ist die Abwertung des Dollar eine willkommene Medizin: Zum einen stützt die Abwertung die Exportnachfrage. Auch hilft tendenziell eine Dollar-Abwertung, das US-Finanzsystem zu stabilisieren: Der Privatsektor der USA, also Haushalte, Unternehmen und Finanzinstitutionen, werden entschuldet, da sie in Dollar verschuldet sind, aber Anlagen in ausländischer Währung halten.

Die Abwertung des Dollar seit 2002 hat bereits dazu beigetragen, dass sich trotz des Riesen-Leistungsbilanzdefizits von mehr als sechs Prozent – und damit einer jährlichen Schuldenaufnahme in dieser Größenordnung – die Nettoauslandsposition der USA verbessert hat. 2002 lag die Nettoauslandsverschuldung der Amerikaner bei 19,9 Prozent des BIP, 2006 nur noch bei 19,2 Prozent.

Wie man es dreht und wendet: Außer der EZB wird in diesen turbulenten Zeiten niemand die europäische Wirtschaft von den dramatischen Folgen krasser Währungsschwankungen abschirmen. Die Notenbank in Frankfurt sollte ihrer Verantwortung nachkommen – und entweder schnell die Zinsen senken oder mit Devisenmarktinterventionen den Euro-Höhenflug bremsen.

Von Sebastian Dullien

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