Startseite > Chefökonom > Lob des Finanzkapitalismus

Lob des Finanzkapitalismus

29. April 2008

Konservative Ökonomen geißeln das hohe Kreditwachstum in der weltweiten Finanzmarktkrise. Sie benutzen dabei ein traditionell linkes Argument, das ziemlich fragwürdig ist

 

Eine der geläufigsten Thesen in der US-Hypothekenkrise ist die Behauptung, dass seit Ende der 90er-Jahre die Kreditvergabe zu schnell gewachsen sei. Die Gesamtsumme inländischer Kredite liege in den USA heute deutlich über der jährlichen Wirtschaftsleistung, und so etwas habe nie gut gehen können, tönen nun – überwiegend konservative – Ökonomen. Sie geißeln Amerikas Ex-Notenbankchef Alan Greenspan, der eine zu lockere Geldpolitik gefahren habe.

Für die Zukunft wird daraus die Forderung abgeleitet, die Notenbanken müssten dafür sorgen, dass die nominale Kreditmenge in einer Wirtschaft nicht mehr stärker wächst als das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP). Mit anderen Worten: Die Quote aus Schulden und Wirtschaftsleistung soll künftig konstant bleiben.

Was sich zunächst vernünftig anhört, entpuppt sich allerdings schnell als gefährlicher Unsinn. Die Vertreter dieser Position übersehen zunächst einmal, dass es sich bei den gängigen Verschuldungsindikatoren – etwa der Verschuldung der US-Haushalte oder dem Wachstum inländischer Kredite, wie es von den Notenbanken veröffentlicht wird – um Bruttowerte handelt. Diese Zahlen sagen also nichts darüber aus, ob sich wirklich die Verschuldungssituation der Haushalte oder Unternehmen verschlechtert hat.

Wer eine lang laufende Hypothek von 100 000 Euro auf sein Haus bei seiner Bank hat und gleichzeitig 100 000Euro in einer Kapitallebensversicherung oder in Bundesschatzbriefen hält, sorgt dafür, dass die gesamte Kreditsumme in der Wirtschaft steigt. Trotzdem sagt dies sehr wenig über die finanzielle Gesundheit des betrachteten Privathaushalts aus.

Mit einer solchen Hypothek und Staatsanleihen ist der Haushalt kaum finanziell anfälliger, als wenn er weder Hypothek noch Anleihen hätte. Mehr noch: Man kann sogar argumentieren, dass ein Bürger mit Hypothek und Staatsanleihen eine finanziell solidere Position hat: Braucht er kurzfristig Geld für unerwartete Ausgaben, so kann er die liquiden Staatspapiere wesentlich schneller veräußern, als er jemals eine Hypothek aufnehmen oder gar sein Haus verkaufen könnte.

Damit erfüllt das Finanzsystem gerade jene Aufgabe, die Ökonomen für wichtig halten: Es hilft mit seinen Produkten den Haushalten und den Unternehmen, Risiken besser zu managen. So werden einzelne Unternehmer, die eine neue Geschäftsidee haben, in die Lage versetzt, diese mit Fremdkapital umzusetzen, ohne dass gleichzeitig ein einzelner Privathaushalt das ganze Risiko auf sich nehmen muss.

Dies ist übrigens auch genau die Lehre, die sich in der Entwicklungsökonomie durchgesetzt hat: Eine ganze Batterie empirischer Forschungen zeigt, dass vor allem das Verhältnis aus der Kreditsumme zum Bruttoinlandsprodukt sehr gut geeignet ist, die künftige Wirtschaftsentwicklung vorherzusagen. Anders als von den neuen Kreditkritikern behauptet, gilt empirisch ganz klar: Je mehr Kredit, umso besser.

Auch ein Blick auf die historische Entwicklung zeigt, wie absurd es wäre, plötzlich festzuschreiben, dass ab heute die Kreditsumme in einer Wirtschaft nur noch einen festen Anteil der Wirtschaftsleistung ausmachen darf: So ist ja gar nicht klar, ob sich die Wirtschaft heute im Idealpunkt befindet.

In den USA beliefen sich die Kredite allein der Banken an inländische Schuldner laut Statistik des Internationalen Währungsfonds zuletzt auf etwas weniger als die jährliche Wirtschaftsleistung. In Großbritannien erreichten sie zuletzt das 1,7-Fache.

Interessant ist, dass die USA damit immer noch weit hinter jenem Wert zurückliegen, den Deutschland bereits Mitte der 90er-Jahre erreichte (damals machten die Bankkredite bereits das 1,3-Fache der Wirtschaftsleistung aus). Die Amerikaner liegen etwa auf dem Niveau wie Großbritannien im Jahr 1980.

Wenn heute gilt, dass die Kreditsumme nicht schneller wachsen darf als das nominale BIP, warum galt das dann nicht schon 1980 oder vielleicht 1960? Hätten wir aber die deutsche Kreditquote auf dem Niveau von 1960 festgeschrieben, lägen wir damit auf einem Niveau wie Kenia heute. Dass dies der deutschen Wirtschaft irgendwie geholfen haben könnte, ist äußerst zweifelhaft.

Der Kritik, Kredite dürften nicht schneller wachsen als die Wirtschaftsleistung, liegt eine merkwürdig rückwärtsgewandte Skepsis gegenüber dem Finanzkapitalismus zugrunde, die in Deutschland Anhänger sowohl bei den Rechten wie bei den Linken hat. Der Berliner Neumarxist Elmar Altvater etwa kritisierte in den frühen 90er-Jahren, die „Finanzsphäre“ habe sich von der „realen Sphäre“ abgekoppelt. Weil die Finanztransaktionen weltweit immer stärker wüchsen als das Bruttoinlandsprodukt, sei eine Krise unvermeidlich, hieß es damals.

Im Grunde ist die aktuelle Kritik vermeintlich übertriebenen Kreditwachstums nichts anderes als die alte Entkopplungsthese in neuem Gewand: Nicht nur die Summe der Finanztransaktionen, auch die Bruttokreditsumme soll doch bitte schön nicht übermäßig wachsen. Zugrunde liegt ein Bild der Wirtschaft, in dem die Unternehmen und Haushalte zunächst munter die Wirtschaftsleistung produzieren, die dann vom Finanzsystem nur noch hin- und hergeschoben werden kann.

Wie man aber an den Folgen von Finanzkrisen immer wieder deutlich erkennen kann, kommt dem Finanzsektor eine viel zentralere Rolle zu: Banken, Finanzmärkte und Kreditinstitute ermöglichen überhaupt erst den Prozess von Investition und Innovation in der Wirtschaft. Und dazu ist Kreditwachstum nun einmal unverzichtbar.

Von Sebastian Dullien

About these ads
Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 120 Followern an