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Juli-Umfrage des Konjunkturschattenrats

28. Juli 2008

Die Europäische Zentralbank hat den Abschwung unterschätzt und sollte ihre Zinsen am besten bald wieder senken. Das sind zwei beeindruckende Ergebnisse der Juli-Umfrage im prominent besetzten Schattenrat des WirtschaftsWunders. Nach Einschätzung von mehr als 90 Prozent der befragten Chefökonomen, Konjunkturchefs und Sachverständigen dürfte die Inflation in einem Jahr ohnehin weltweit niedriger liegen als jetzt. Alle Details der Umfrage stehen hier.

1. Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass die Inflation in 12 Monaten weltweit niedriger ist als heute mit rund sechs Prozent?
a) sehr hoch 46,2
b) relativ hoch 46,2
c) eher niedrig 7,6
d) sehr niedrig 0,0

Alle Welt redet von der großen Inflation – vielleicht nicht mehr lange. Nur ein Ökonom im Schattenrat hält es für eher unwahrscheinlich, dass die Inflation in einem Jahr niedriger ist als heute.  

2. Wie groß ist Ihrer Einschätzung nach die Wahrscheinlichkeit einer US-Rezession 2008? (0-100%)

(Rezessionsdefinition mit höherer durchschnittlicher Erwartung* in %)

nach der 2-Quartale-Regel 45,0
  Spanne (5-100%)
nach NBER-Definition 33,0
  Spanne (0-60%)

Seit sich abzeichnet, dass die US-Wirtschaft entgegen allen Unkenrufen weder im ersten, noch im zweiten Quartal 2008 geschrumpft ist, ist auch die Wahrscheinlichkeit stark gesunken, dass sie überhaupt in eine Rezession gefallen ist – zumindest nach der gängigen Definition, wonach eine Rezession dann gegeben ist, wenn die Wirtschaftsleistung in mindestens zwei Quartalen in Folge sinkt. Im Schnitt setzen die Schattenräte die Wahrscheinlichkeit jetzt nur noch bei 45 Prozent an. Vor ein paar Wochen waren es rund 70 Prozent.

Vor Kurzem schien es verglichen dazu noch wahrscheinlicher, dass eine andere, etwas ausgetüfteltere Rezessionsdefinition erfüllt wird. Nach Definition des Forschungsinstituts NBER müssen mehrere Bereiche der Wirtschaft über längere Zeit im Abwärtssog stecken. Mittlerweile rechnen die Schattenräte aber auch nach dieser Definition nicht mehr sehr stark mit einer Rezession: die Wahrscheinlichkeit liegt im Schnitt sogar nur noch bei 33 Prozent.

3. Sollte die US-Notenbank ihren Leitzins weiter senken?
a) ja 0,0
b) nein, vorerst nicht 69,2
c) nein, sie sollte die Zinsen anheben 30,8
(Antworten in %)  

Seltene Einigkeit: kein einziger unter den befragten Ökonomen empfiehlt der Fed, jetzt ihre Zinsen nochmal zu senken. Was allerdings auch naheliegt, wenn kaum noch jemand gesichert mit einer Rezession rechnet. Nur ein Drittel empfiehlt umgekehrt allerdings schon wieder Zinsanhebungen in den USA.

4. Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit einer Rezession 2008/09 für die folgenden EU-Länder ein?
* Spanien 60,0
* Irland 75,0
* Großbritannien 50,0
* Italien 50,0
* Frankreich 40,0
* Deutschland 25,0
(Antworten in %)  

Welch ein rasanter Wandel: bis vor ein paar Wochen hielten die Experten eine US-Rezession zu 70 Prozent für wahrscheinlich. Jetzt erreichen plötzlich mehrere europäische Länder Wahrscheinlichkeits-Quoten von 50 und mehr Prozent: neben Spanien und Irland nun auch Großbritannien und Italien. Wenn die Rezession in diesen Ländern eintritt, würde dies einen gewichtigen Teil des deutschen Exports treffen. Bemerkenswert gelassen sind die Schattenräte denn auch bei Deutschland, wo sie die Wahrscheinlichkeit einer Rezession im Schnitt bislang nur auf 25 Prozent schätzen.

5. Glauben Sie, dass die (Mehrheit der) EZB-Ratsmitglieder bei Ihrer Zinsentscheidung Anfang Juli unterschätzt haben, wie stark die Konjunktur im Euro-Raum einbrechen könnte bzw seitdem bereits einbricht?
a) ja, die EZB hat den Abschwung unterschätzt 61,5
b) nein, hat sie nicht 38,5
(Antworten in %)  

EZB-Chef Jean-Claude Trichet hatte Anfang Juli noch beteuert, dass die Euro-Wirtschaft an sich ja robust sei – seitdem sind die konjunkturellen Frühindikatoren für den Euro-Raum in beinahe atemberaubendem Tempo abgestürzt. Robust ist etwas anderes. Mehr als 60 Prozent der Schattenräte sagen deshalb auch, dass die EZB den Abschwung vor vier Wochen unterschätzt hat.

6. Sollte die EZB ihre Leitzinsen in den nächsten Monaten weiter anheben?
a) ja 15,4
b) nein 30,8
c) nein, frühestens im späteren Verlauf 2009 7,6
d) nein, der nächste Zinsschritt sollte sogar eher wieder nach unten gehen 46,2
(Antworten in %)  

Logisch: wenn der Abschwung stärker ausfällt, als es sich die EZB offenbar erträumt hatte – und zugleich die Erwartung fallender Inflationsraten eher zugenommen hat, dann müssten die Zinsen auch wieder sinken. Das sagen immerhin fast die Hälfte der Experten. Und wenn die EZB dem folgen würde, wäre das ein ziemlich eindrucksvolles Eingeständnis der eigenen Fehlerentscheidung. Naja, im Moment eher unwahrscheinlich, dass es wirklich so kommt. 

7. Wie ist Ihre aktuelle Prognose für das Wirtschaftswachstum in Deutschland (nicht kalenderbereinigt) ?

(durchschnittliche Erwartung*)

2008 2,1
Spanne (1,8-2,5%)
2009 1,0
  Spanne (0,4-1,3%)

*Median
** Teilnehmer: 13; Quelle: FTD

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