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[Nobelpreisträgertreffen Lindau] Europa hat es schwerer mit dem Abschwung

21. August 2008

Natürlich ist auch die Finanzkrise das allbeherrschende Thema auf der Konferenz. Erstaunlich nur, wer alles meint, sich damit auszukennen. Doch so richtig fanden auch die fünf Nobelpreisträger beim Pressegespräch keine richtige Antwort, wie lange die Finanzkrise noch anhalten oder wie tief sie ausfallen wird. Erst als noch ein Nachzügler in den Raum kam, wurde es noch mal spannend.

Kein Wunder, saßen doch anfangs vorne Professoren, die sich zum Großteil wenig mit Auswirkungen von Finanzkrisen beschäftigt haben. Allein Robert Solow äußerte noch die besten Gedanken. So kritisierte er an der Morgenveranstaltung, dass auch dort keine Antworten gegeben wurden. Dann wurde es spannend, als Joe Stiglitz verspätet erschien.     

Robert Solow und Joseph Stiglitz machten die Europäische Zentralbank (EZB) mit für den Abschwung in Europa verantwortlich. Beide schätzten, dass es die Volkswirtschaften der Euro-Zone schwerer haben werden, die Krise zu überwinden. „Es ist ein Problem, dass die EZB sich nur auf die Inflation konzentriert“, sagte Stiglitz. „Es gibt keine theoretische Begründung, weshalb sich eine Institution nur um ein Ziel kümmern sollte“, sagte der Ökonom.

Er widersprach damit einer in Deutschland weitverbreiteten ordnungspolitischen Auffassung, die auch als Grundlage der Ausrichtung der EZB gilt, und die ein Journalistenkollege den Herren auf dem Podium vorhielt. „Die EZB muss ein Kompromiss finden zwischen Finanzmarktstabilität, Wachstum und Inflation“, konterte Solow. Denn ihr einziges Instrument, der Zinssatz, beeinflusse schließlich all diese Größen. Solow kritisierte, dass in Europa die Idee vorherrsche, dass eine geringere Inflation nicht nur notwendig für Wachstum sei, sondern alleine schon ausreiche.  

Im Vergleich zu den USA sei die Politik der Notenbank im Euro-Raum zu passiv gewesen, so Solow. „Die Reaktion der US-Notenbank hat dazu geführt, dass es seit Ausbruch der Finanzkrise erst ein Quartal im Minus gegeben hat.“ Zudem habe die US-Regierung die Wirtschaft stimuliert, sagte Stiglitz. Und die drastischen Zinssenkungen der Fed hätten die Abwertung des Dollars verstärkt, da die EZB ihren Zins lange Zeit konstant ließ und im Juli sogar erhöhte. „Die US-Wirtschaft hat im vergangenen Halbjahr wegen des schwachen Dollars einen enormen Wachstumsschub vom Außenhandel bekommen“, so Stiglitz.

Bisher habe die Finanzkrise noch keine tiefen Spuren in der Wirtschaft außerhalb des Finanzsektors hinterlassen, sagte Stiglitz. Doch sieht er eine tiefe Krise in den USA gerade erst beginnen. Schon seit November bauten die Firmen keine Jobs mehr auf und die Umsätze fingen an, einzubrechen. Zudem wirkten die schärferen Kreditbedingungen sich jetzt erst aus. Das setze die Abwärtsdynamik jetzt erst richtig in Gang. „Eine Erholung wird wohl erst 2010 einsetzen und deswegen bin ich auch pessimistisch für Europa, da die großen Volkswirtschaften miteinander verbunden sind“, so Stiglitz.

Die Vorträge lassen sich live im Internet verfolgen.

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