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[Nobelpreisträgertreffen Lindau] Mehr Regulierung des Finanzsystems

22. August 2008

Die Regulierung des Finanzsektors sollte nicht den Finanzmärkten überlassen werden. Dies war die zentrale Aussage von Joseph Stiglitz, Professor an der Columbia University, bei seinem Vortrag. Das Verhalten der Investoren und die Anreize müssten sich ändern, sagte er. Dazu seien zwei neue Kommissionen notwendig.

Die bisherige Regulierung der Finanzinstitutionen habe entschieden zum Ausbruch der Finanzkrise beigetragen, darin waren sich auch die meisten Experten einig, die sich auf dem Treffen der 15 Laureaten zu den Themen äußerten. 

Das bisherige System habe zu einer falschen Verteilung von Kapital und Risiken geführt, so Stiglitz. Die Exzesse auf dem Immobilienmarkt in den vergangenen Jahren hätten eher an betrügerische Pyramidensysteme erinnert. Die Kosten müssten nun die Steuerzahler tragen, viele Amerikaner verlören bereits ihre Jobs und ihre Häuser. Wenn Bankrotte von Finanzhäusern wiederum andere Institute gefährdeten, stehe zudem die ökonomische Stabilität in Frage, was selbst zu einem Kollaps der Volkswirtschaft führen könne.

Stiglitz sieht viele Fehler der Vergangenheit bei den Finanzinstituten selber: Oft hätten die Banken ihre eigenen Innovationen bei den Finanzmarktprodukten kaum verstanden. Das wurde dadurch verstärkt, dass sie falsche Risiko-Modelle benutzten oder etwa diese mit alten Daten gefüttert hätten. „Hier hat die Regulierung klar versagt“, sagte Stiglitz. Dabei war in den vergangenen Jahren eine stärkere Regulierung politisch auch gar nicht gewollt.
 
Aber auch die Standardmodelle der Zentralbanken hätten völlig versagt, denn sie ignorierten überhaupt die Existenz von Blasen. So habe etwa der ehemalige Chef der US-Notenbank Fed, Alan Greenspan, die Bürger zum Hauskauf mit variablen Hypothekenkrediten ermutigt, als die Zinsen so niedrig waren – ohne jedoch auf die Risiken bei steigenden Zinsen hinzuweisen. Zudem ignorierten die Modelle vieler Notenbanken die Stabilität des Finanzsystems als Ziel.

Dem Nobelpreisträger schweben für die USA zwei neue Institutionen vor. Eine Kommission zur Sicherheit von Finanzprodukten, in der auch Kunden und andere potentielle Leidtragendende vertreten sein sollen, also die, die am Ende die Kosten einer Krise zu tragen hätten. Ähnliche Gedanken äußerte Daniel McFadden von Universität Berkeley auf der Tagung. So wie die Food and Drug Administration (FDA) in den USA über die Zulassung von Medikamenten entscheide, sollten Behörden neue Finanzprodukte zulassen.

Eine weitere Kommission sollte sich laut Stiglitz um die Stabilität des Finanzsystems kümmern. Jedes Marktsegment brauche eine eigene Regulierung, es brauche zudem eine Aufsicht, die die Interaktion der verschiedenen Finanzinstrumente verstehe und die systemischen Risken überwache. „Ziel muss es sein, dass die Finanzinstitute gute Innovationen hervorbringen, die nicht zu ökonomischen Problemen führen“, sagte Stiglitz.

Das Verhalten der Investoren und die Anreize müssten sich ändern. Stiglitz forderte, dass die Banken ihre Risiken nicht mehr außerhalb der Bilanzen verstecken dürfen. Schwere Krisen könnten auch dadurch verhindert werden, dass den Instituten neue Obergrenzen bei der Kreditvergaben auferlegt werden. So könne mehr Einfluss auf das Verhalten der Finanzinstitute ausgeübt werden, wenn sie ihre ausgegebenen Hypothekenkredite nicht um mehr als 15 bis 20 Prozent im Jahr erhöhen dürfen.

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