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Ernst Fehr: Geldillusion neurowissenschaftlich nachgewiesen

25. September 2008

Ernst Fehr, Professor aus Zürich, hat schon vor Jahren in Experimenten gezeigt, dass Menschen sich eher an nominalen Löhnen oder Preisen orientieren als an realen, also den inflationsbereinigten. Diese Geldillusion kann Blasen an Finanzmärkten, Immobilienmärkten aber auch die negativen Folgen einer zu restriktiven Geldpolitik erklären. In Graz zitierte Fehr nun eine Studie, die die alte Vorstellung von Keynes sogar neurowissenschaftlich bewiesen haben will.

So hat Fehr in seinen Experimenten zusammen mit Jean-Robert Tyran bestätigt, dass sich Preisanpassungen nach unten in einer Volkswirtschaft meist sehr langsam vollziehen. Nach oben geht das jedoch rasend schnell.

Vereinfacht ausgedrückt: Wenn eine Zentralbank die Geldmenge durch Zinserhöhungen einschränken will, um so die Inflation unter Kontrolle zu halten, müssten sich auch die realen Preise und Löhne einer Volkswirtschaft anpassen und zwar nach unten. Nur passiert dies in Regel sehr, sehr langsam, wie Fehr und Tyran in ihren Versuchen gezeigt haben.

Das sei damit zu erklären, dass sich die Individuen lieber an nominalen Größen orientieren, als an realen. Wie Umfragen gezeigt hätten, würde Arbeitnehmer eher einen Lohnanstieg um 2 Prozent akzeptieren bei einer Inflationsrate von 4 Prozent, als dass sie eine Lohnsenkung von 2 Prozent bei einer Teuerung von 0 Prozent gut heißen würden. Nominal haben sie das eine Mal ein Plus, das andere Mal ein Minus. Real sind die Effekte jedoch gleich: minus 2 Prozent.

Selbst wenn die Mehrheit der Wirtschaftssubjekte sich an realen Größen orientiere: Es reicht schon eine Minderheit, die der Geldillusion unterliegt. Denn diese habe große Wirkung auf die Gesamtheit der Individuen. Wenn nur wenige mit ihren Preisen und Löhnen nicht herunter gehen wollen, passten sich auch die rationalsten Individuen an dieses Verhalten an.

Das Resultat der Studien: Eine zu lockere Geldpolitik habe nur geringe negative Folgen. Eine zu restriktive jedoch verursucht enormen volkswirtschaftlichen Schaden. Besser kann man die unterschiedlichen Auffassungen bei den Währungshütern von EZB und der amerikanischen Fed gar nicht erklären. Während die Europäer mitten in der Krise ihre Zinsen anhoben und damit nach Auffassung nicht weniger Ökonomen den Abschwung in der Euro-Zone verstärkten,
lockerten die Amerikaner nach Ausbruch der Finanzkrise ihre Geldpolitik sehr drastisch.

Dabei wollte Fehr vor gut sieben Jahren eigentlich nachweisen, dass es gar keine Geldillusion bei den Wirtschaftssubjekten gibt, wie er in seinem Vortrag erklärte. Dies sei ja die seit den 70er Jahren die  vorherrschende Vorstellung unter den akademischen Volkswirten gewesen. Die alte intuitive Annahme von Keynes, die noch in den 50er und 60er Jahren viele Ökonomen vertraten, hatte mit dem Vordringen der Theorien rationaler Erwartungen rapide an Einfluss verloren. Im Resultat, sagte die neue Richtung Anfang der 70er Jahre, dass die Geldpolitik keinen Einfluss auf reale volkswirtschaftliche Größen hat.

Nun sagen die Forschungsergebnisse von Fehr und anderen zwar nicht, dass eine expansive Politik einen Abschwung verhindern kann. Jedoch bestätigen die Experimente immerhin die negativen Folgen einer zu restriktiven Zinspolitik. Eine noch nicht veröffentlichte Studie habe zudem gezeigt, dass das Festhalten an nominalen Größen, sogar neurowissenschaftlich bestätigt wurde. In einem demnächst zu veröffentlichenden Paper seien die Ergebnisse zu finden: “Nominal Illusion is Real: The brain reward’s circuitry is sensitive to nominal change” von Bernd Weber, Antonio Rangel and Matthias Wibral und Armin Falk – dem diesjährigen Gossen-Preisträger.

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