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Paul de Grauwe – Lob der Schuldenmacher

17. Juni 2009

Die Staatsdefizite vieler Industrienationen sind heute untragbar hoch und wünschenswert zugleich. Wer dieses Paradoxon ignoriert, gefährdet die Gesundung der Wirtschaft.

Kein Zweifel, die aktuellen Staatsschulden und -defizite sind nicht tragbar. Die USA, Großbritannien und andere Industrienationen weisen inzwischen Haushaltsdefizite von mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf. Bei derlei Fehlbeträgen schnellen die Staatsschulden explosionsartig in die Höhe. Aus einfachen Hochrechnungen für die Zukunft lässt sich schließen, dass diese Schulden und Defizite auf Dauer nicht finanzierbar sind und dass sie rückgängig gemacht werden müssen, damit es nicht zur Zahlungsunfähigkeit kommt.

Doch obwohl Staatsschulden und -defizite nicht hingenommen werden können, sind sie zum heutigen Zeitpunkt trotzdem wünschenswert. Diese Aussage, so widersprüchlich sie auf den ersten Blick scheint, ist dennoch in sich logisch. Aber warum?

Der massive Anstieg der Staatsverschuldung heute ist eine natürliche Folge einer unhaltbaren Schuldenexplosion im Privatsektor während der vergangenen zehn Jahre. Die Verbraucher in den USA und in einer ganzen Reihe europäischer Länder –  allerdings nicht in Deutschland – sowie Finanzinstitute in den USA und Europa haben enorme Schuldenberge angehäuft. Mit dem Platzen der Blase haben Verbraucher wie Finanzinstitute mit dem schmerzhaften Prozess des Schuldenabbaus begonnen. Dieser Vorgang der „Entschuldung“ ist notwendig, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Zugleich ist dies aber nur möglich, wenn die Regierungen bereit sind, die Staatsverschuldung zu erhöhen.

Die grundlegende Erkenntnis besteht darin, dass das Niveau der Privatschulden nur sinken kann, wenn die Staatsschulden ansteigen dürfen. Dies folgt aus zwei Mechanismen, die Irving Fisher und John Maynard Keynes vor langer Zeit entdeckt haben. Wenn der Privatsektor übermäßig hohe Schulden angehäuft hat und plötzlich alle gleichzeitig ihre Schuldenberge abbauen wollen, dann funktioniert das nicht. Der Grund hierfür ist, dass alle ihre Schuldenlast entweder durch den Verkauf von Vermögenswerten, mehr Ersparnisse oder beides reduzieren wollen. Doch der Verkauf von Vermögenswerten drückt auf die Vermögenspreise, und damit nehmen die Solvenzprobleme des Privatsektors zu. Der Privatsektor verfällt erneut in eine Abwärtsspirale, wenn er sich über vermehrtes Sparen entschulden will. Denn mehr Ersparnisse führen zu weniger Konsum, weniger Produktion und weniger Einkommen, von dem man Sparbeträge abzweigen kann.

Anders gesagt: Die Versuche des Privatsektors, das Schuldenniveau zu senken und die Ersparnisse zu erhöhen, sind nur dann von Erfolg gekrönt, wenn die Regierung das Gegenteil tut. Soll heißen, sie entspart oder gibt mehr Schuldtitel aus.

In den USA und einigen europäischen Ländern haben die Regierungen diesen Mechanismus verstanden. Sie haben die Schritte unternommen, die Regierungen unternehmen müssen, damit die exzessiven Schulden des Privatsektors abgebaut werden können. Doch inzwischen werden zunehmend Stimmen laut, die sagen, dies sei unverantwortlich und die Regierungen sollten rasch Maßnahmen ergreifen, um Schulden und Defizite zu verringern.

Ich denke, das ist fehlgeleitet. Das Niveau der privaten Schulden ist immer noch unhaltbar hoch. Würden Regierungen auf solche Forderungen eingehen und noch heute mit haushaltspolitischen Einschränkungen beginnen, würden die privaten Schulden nicht weiter sinken und somit unhaltbar bleiben. Dies wäre höchst unerwünscht, da so die Wirtschaft weiter nach unten gezogen würde. Mit dem Versuch, das Schuldenniveau zu reduzieren, würde erneut Druck auf die Vermögenspreise ausgeübt, und die Verbraucher würden weiter versuchen, mehr zu sparen, damit aber keinen Erfolg haben.

Tatsächlich würden solche haushaltspolitischen Einschränkungen heute keinesfalls gewährleisten, dass die Regierungen ihr Schuldenniveau senken können. Deflationskräfte würden nämlich wiederum die Staatseinnahmen mindern und Etatprobleme schaffen, die zu neuen Schulden führen.

Es gibt keinen anderen Ausweg. Die unbequeme Wahrheit lautet, dass die Staatsverschuldung vorübergehend untragbar werden muss, damit das Niveau der Privatschulden wieder tragbar wird. Wie lange wir mit dieser unbequemen Wahrheit leben müssen? Bis der Privatsektor bereit ist, mit dem Sparen aufzuhören und mit dem Anhäufen neuer Schulden zu beginnen. Das wird der Fall sein, wenn sich die Wirtschaft wieder erholt.

Staatsschulden und -defizite sind heute notwendig, damit der Privatsektor seine Schulden abbauen kann, und dies wiederum ist nötig, um die Wirtschaft zu stabilisieren. Letzteres ist im Übrigen eine der Grundvoraussetzungen, um die Staatsfinanzen in der Zukunft auf einem soliden Fundament zu halten.

Leider teilen die Ratingagenturen diese Ansicht nicht. Sie haben Staatsschulden einiger europäischer Länder herabgestuft und drohen nun, dasselbe mit Großbritannien und den USA zu tun. Mit Schrecken sehen sie zu, wie die öffentlichen Schulden ansteigen, und schlagen Alarm. Das Einzige, was sie damit erreichen, ist, dass es für die Regierungen schwieriger wird, dem Privatsektor beim Schuldenabbau zu helfen.

Die Lektion daraus: Es ist wichtig, systemisch zu denken und die unumgängliche Verquickung zwischen öffentlichen und privaten Schulden zu erkennen. Eine solche systemische Denkweise ermöglicht es, das scheinbare Paradoxon zu lösen – jenes nämlich, dass Staatsschulden und -defizite derzeit sowohl untragbar als auch wünschenswert sind.

Paul de Grauwe ist Wirtschaftsprofessor an der Universität Leuven.

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