Startseite > Chefökonom > Wirtschaftsdienst exklusiv – Gefährliche Angst vor der Inflation

Wirtschaftsdienst exklusiv – Gefährliche Angst vor der Inflation

13. August 2009

Während die Preise in Deutschland zuletzt leicht fielen, ist eine Debatte um vermeintliche Inflationsgefahren entbrannt.  Am konkretesten wurde dabei HWWI-Präsident Thomas Straubhaar. Die große Ausdehnung von Geldmenge und Notenbankkrediten der vergangenen Monate werde zu einer „starken Inflation“ führen, wenn nichts getan werde. Aber „selbst wenn rechtzeitig gegengesteuert wird“, müsse man „nach dem Jahr 2010 Inflationsraten von über 5 Prozent“ erwarten.  Auch Finanzminister Peer Steinbrück und DIW-Präsident Klaus Zimmermann warnten vor einem Aufflammen der Inflation.

Bei näherer Betrachtung jedoch sind alle derzeit angeführten Argumente für eine starke Inflation wenig stichhaltig. Für die nächsten Jahre scheint immer noch eine deflationäre Entwicklung das größere Risiko zu sein als eine kräftige Inflation.

Sehen wir uns zunächst näher das Geldmengenargument an: Tatsächlich haben seit den ersten Verspannungen am Geldmarkt Mitte 2007 und verstärkt nach der Pleite von Lehman Brothers im Sommer 2008 die großen Notenbanken Liquidität im Wert von vielen Hundert Milliarden Euro in den Geldmarkt gepumpt. Wie man aber an den Details zur Entwicklung einzelner Geldmengenkomponenten sehen kann (siehe Grafik), hat sich gleichzeitig die Kreditvergabe der Geschäftsbanken an den Privatsektor verlangsamt.

Inflation durch Geldmengenexpansion ist aber nur eine Gefahr, wenn die gesamtwirtschaftliche Nachfrage das Angebot übersteigt oder wenn Tarifparteien aus Angst vor künftiger Inflation höhere Löhne fordern, was Kosten und Preise antreibt. Diesmal scheinen beide Kanäle irrelevant.  Zunächst ist ein starker Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage durch die Expansion der Geldbasis zurzeit nur schwer vorstellbar. Die Geschäftsbanken versuchen derzeit alles, nach den Abschreibungen auf problembelastete Wertpapiere der vergangenen zwei Jahre ihre Eigenkapitalbasis zu reparieren und fahren deshalb ihre Kreditvergabe zurück. Trotz der Ausweitung der Geldbasis ist deshalb derzeit eine Schwäche der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zu beobachten, keine Überschussnachfrage.

Ebenso wenig relevant scheint derzeit die Gefahr, dass die Tarifparteien mit kräftigen Nominallohnabschlüssen die Lohnstückkosten soweit in die Höhe drücken, dass es dadurch zu Inflationsgefahren kommt. Zwar sind rechnerisch die Lohnstückkosten in Deutschland zuletzt stark gestiegen. Dieser Anstieg kommt allerdings in erster Linie dadurch zustande, dass die Produktion stark eingebrochen ist, die Unternehmen aber ihr Personal noch nicht abgebaut haben. In den nächsten Monaten ist mit einer Korrektur dieses Anstiegs zu rechnen, sobald die Kurzarbeit ausläuft und die Beschäftigung in Deutschland kräftiger sinkt. Zudem gibt es derzeit keinerlei Anzeichen, dass die Gewerkschaften in der aktuellen Lage kräftige Lohnerhöhungen fordern könnten – im Gegenteil: Die Arbeitgeber in Deutschland haben bereits Lohnsenkungen gefordert und die Gewerkschaften dürften in den kommenden Monaten damit beschäftigt sein, diese Forderungen abzuwehren. Angesichts steigender Arbeitslosigkeit ist die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer einfach zu gering, um hohe Lohnabschlüsse durchzusetzen.

Was aber ist mit der Gefahr, dass die Zentralbank nicht schnell genug die Liquiditätsversorgung wieder zurückfahren kann, wenn die gesamtwirtschaftliche Nachfrage anspringt? Auch dieses Risiko scheint derzeit eher gering. Zwar haben die großen Notenbanken – und auch die EZB – den Anteil längerfristiger Refinanzierungsgeschäfte nach oben gefahren. Allerdings haben bei der EZB auch die längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte lediglich eine Laufzeit von einem Jahr. Um die zusätzliche Liquidität wieder aus dem Markt zu nehmen, braucht die EZB deshalb nur die Refinanzierungsgeschäfte auslaufen zu lassen. Die Geschäftsbanken müssen dann die Liquidität zurückgeben und bekommen ihre als Sicherheiten hinterlegten Wertpapiere zurück. Sollte es die Notenbank für notwendig erachten, vor Ablauf der längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte die Liquiditätsversorgung zurückzufahren, könnte sie zudem einfach das Volumen den üblichen wöchentlichen Refinanzierungsgeschäfte zurückfahren.

Zudem ist derzeit das Problem des Bankensektors, dass dieser weniger durch einen Mangel an Liquidität als durch einen Mangel an Eigenkapital an einer kräftigeren Kreditvergabe gehindert wird. Die Eigenkapitalsituation der Banken allerdings dürfte sich nur allmählich bessern, wenn die Banken künftige Gewinne nach und nach Gewinne einbehalten. Ein plötzliches Emporschnellen der Kreditvergabe an den Unternehmens- und Haushaltssektor, das dann zu sprunghaft mehr Nachfrage führen könnte, scheint deshalb wenig plausibel.

Gefährlicher scheint derzeit immer noch ein Deflationsszenario. Zwar ist das Bruttoinlandsprodukt zuletzt wieder leicht gestiegen. Allerdings existieren gleichzeitig enorme ungenutzte Kapazitäten in den Unternehmen, sodass auch bei einem Anziehen der Nachfrage zunächst ein Abwärtsdruck auf die Preise weiter bestehen wird. Wegen der steigenden Arbeitslosigkeit gilt ähnliches für die Löhne und damit für die Lohnstückkosten. Da insbesondere in Deutschland die Unternehmen bislang die Nachfrageschwäche noch mit dem Kurzarbeitergeld überbrückt haben und in anderen europäischen Ländern Entlassungen oftmals nicht unmittelbar möglich sind, stehen die großen Entlassungswellen noch bevor. Ebenfalls noch nicht voll auf die Wirtschaft durchgeschlagen haben die Folgen einer möglichen Kreditbeschränkung aufgrund verschlechterter Bilanzsituationen bei den Unternehmen. All das belastet eine mögliche Expansion. Wie die Erfahrung Japans nach dem Platzen der dortigen Immobilienblase in den 1990er Jahren zeigt, ist die Konjunktur in einer solchen Situation äußerst fragil und damit die Gefahr einer verfrühten Straffung von Geld- und Finanzpolitik und einem Rückfall in die Rezession groß. Die These der drohenden Inflation ist von daher nicht nur analytisch fragwürdig, sondern sogar volkswirtschaftlich gefährlich, weil sie die Notenbanken dazu bewegen könnte, verfrüht die Zinsen wieder anzuziehen.

Lesen Sie den kompletten Text mit weiteren Argumenten gegen die Inflationsgefahr in der neuen Ausgabe des Wirtschaftsdiensts oder hier . Teile des aktuellen Wirtschaftsdienstes finden Sie auch online.

Sebastian Dullien ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin.
 

Von Sebastian Dullien

About these ads
Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 118 Followern an

%d Bloggern gefällt das: