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Ökonomenstreit revisited

13. September 2009

83 VWL-Professoren hatten im Mai einen Aufruf unterzeichnet “Rettet die Wirtschaftspolitik an deutschen Universitäten”. Aufgeregte Volkswirte äußerten sich darauf im Handelsblatt und der Frankfurter Allgemeinen. Auf dem Podium beim Verein für Socialpolitik trafen Roland Vaubel, einer der vier Initiatoren des Aufrufs, und Thomas Gehrig, der den Gegenaufruf unterschrieben hatte, aufeinander.

Vaubel, Uni Mannheim, ging mit seinem Referat gleich in die Defensive und versuchte Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. In der Diskussion gehe es in erster Linie um die Tendenz zur Umwidmung von Lehrstühlen für Wirtschaftspolitik und Finanzwissenschaft an deutschen Universitäten. Es gebe zu mehr Anreize, Spezialfälle im Modell zu untersuchen als wirtschaftspolitisch relevante Fragestellungen zu erforschen. Es sei bei dem Aufruf nicht um Ordnungspolitik, sondern um Wirtschaftspolitik gegangen, nicht um Methoden oder Mathematik, sondern um den Forschungsgegenstand. Es sei nicht um den Schutz vor internationaler Konkurrenz gegangen.

“Eigentlich geht es in der ganzen Diskussion um die Frage, wo die deutschen Unis hinwollten”, entgegnete Gehrig, Uni Freiburg und Unterzeichner des Gegenaufrufs. Theorie ist Esoterik, Politik ist die reale Welt – so lese sich der Aufruf der 83 Professoren. Tatsächlich fände in der deutschen VWL gerade ein Generationenwechsel statt. Die zunehmende Konkurrenz zwinge die Unis zur Profilbildung. Nun gehe es einige sehr wohl auch um die Frage, alte Netzwerke zu schützen.

“Die Tendenz, Lehrstühle umzuwidmen, ist ein Beleg dafür, dass die WVL wegwolle von Wirtschaftspolitik und Finanzwissenschaft hin zu Dingen, die man nicht mehr genau definieren kann”, sagte Vaubel. Einige im Publikum lachten leise. Wenn das Wort Wirtschaftspolitik nicht in der Bezeichnung des Lehrstuhls vorkomme, gebe es keinen Anreiz, in dem Gebiet zu forschen.

Doch mit dieser Meinung stand Vaubel ziemlich alleine da. “Die traditionelle Aufgliederung der VWL in Politik, Theorie und Finanzwissenschaft ist kontraproduktiv”, sagte Gerhard Schwödiauer, Uni Magdeburg. Auch Gebhard Kirchgässner, Uni St.Gallen, war der Meinung, man solle sich nicht zu sehr an Lehrstuhlnamen “festkrallen”.

Gehrig plädoyierte dafür, in der Forschung eine theoretische Basis mit statistischen Methoden, empirischen Daten und institutioneller Kenntnis zu verbinden. Aber das bedeute auch eine Abkehr von der traditionellen Ausbildung deutscher Ökonomen. Die Bedeutung von Koautorenteams nehme zu. Doktoranden könnten besser in Graduiertenschulen auf den internationalen Wettbewerb vorbereitet werden als an einem einzigen Lehrstuhl.

An dieser Stelle könnte man Bruno Frey, Uni Zürich, das Schlusswort zukommen lassen, der sich für eine europäische Profilbildung gegenüber den anglo-amerikanischen Unis stark machte: “Junge Akademiker konzentrieren sich heute darauf, in den renommierten amerikanischen Journals zu publizieren. Deutsche Wirtschaftspolitik ist dafür völlig irrelevant. Wir müssen eigene Ideen entwickeln und dürfen nicht zweitklassige Amerikaner sein wollen.”

 

Von Charlotte Bartels

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