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Die Kolumne – Zurück auf den Vulkan

15. Januar 2010

Alles spricht dafür, dass die deutsche Wirtschaft 2010 ihre eindrucksvolle Erholung aus der Rezession fortsetzt. Das ist nur ein bedingter Grund zur Freude. Der Haken ist, dass die Krise dafür später zurückzuschlagen droht.

Als Deutschland im Sommer 2008 auf die Rezession zuschoss, wollte das kaum jemand glauben. Jetzt wächst die Wirtschaft wieder. Und der Glaube scheint erneut zu fehlen. Satte 64 Prozent der Deutschen sagen, 2010 werde furchtbar – für andere. Den eigenen Job stufen nämlich 64 Prozent als sicher ein. Da stellt sich die Frage, ob die eigene Stimmung täuscht oder vielmehr die allgemeine.

Für die miese Variante scheint es derzeit eine Menge Gründe zu geben. Zumindest gibt es eine Menge Gurus, die für die restlichen elfeinhalb Monate 2010 vor Kreditklemmen, grassierendem griechischen Haushaltsverständnis und hochschnellender Arbeitslosigkeit warnen. Oder den ökonomischen Konsequenzen von Guido Westerwelle. Und überhaupt vor schlechten Aussichten, weil das nach Finanzkrisen geschichtlich nun mal im Schnitt so sei.

Könnte allerdings auch sein, dass dieses Jahr eher so endet wie die Schweinegrippe 2009. Die größere Gefahr ist womöglich, dass sich die Deutschen bei guter Konjunktur in etwas manövrieren, das erst nach 2010 bedrohlich wird.

Vergebens prophezeite Arbeitsmarktcrahs

Seit dem Krisentief sind Aufträge, Industrieproduktion und Export teils zweistellig gewachsen. Dahinter steckt längst ein Stück Eigendynamik. Wenn Entlassungswelle und Kreditklemme trotz Serienprophezeiung bisher ausblieben, liegt das auch an der besseren Konjunktur – und das könnte weiter so gehen, wenn auch womöglich nicht mehr ganz so rasant wie zu Anfang. Dass die Erholung plötzlich stoppt, ist unplausibel. Trotz aller Klagen über zugeknöpfte Banken entwickeln sich die Kredite so wie bei solch einer Konjunktur üblich, sagt Holger Schmieding, Europachefvolkswirt der Bank of America, es dauere üblicherweise zwei bis drei Quartale, bis das Kreditgeschäft nach Krisen wieder anziehe.

Fraglich ist mittlerweile auch, ob der Eklat am Arbeitsmarkt noch kommt. Laut Umfragen wollen Unternehmen in den nächsten Monaten weniger als mehr entlassen. Ähnliches gilt für die USA, wo sich immer weniger Leute neu arbeitslos melden und die Entlassungsankündigungen auf Vorkrisenniveau zurück sind. Ein Meilenstein: Immerhin gilt, dass Amerikaner umso mehr Geld auszugeben bereit sind, je stärker die Arbeitslosigkeit fällt.

Selbst die Regel von den ewigen Durststrecken nach Finanzkrisen könnte sich diesmal als falsch erweisen. Studien besagen lediglich, dass es oft so ist, aber längst nicht immer. Und: Regierungen wie Notenbanken haben auch noch nie so radikal und schnell auf so eine Krise reagiert. Bis dato wirkt oft erst die Hälfte der Konjunkturpakete – der Rest folgt noch. In Deutschland dürfte 2010 dank diverser früherer und neuerer Beschlüsse dazu die Steuer- und Abgabenquote um geschätzte 60 Mrd. E oder 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sinken. Ein ziemlicher Kaufkraftschub. Selbst wenn die Notenbanken ihre Zinsen 2010 allmählich hochnehmen, muss das kein Drama sein. Gut möglich ist, dass die immer noch günstigen Sätze dafür wieder leichter von den Banken weitergegeben werden, sodass Kunden von Verschärfung per saldo wenig mitkriegen.

Klar bleibt eine Erholung nach so einer Erschütterung noch eine Zeit lang für Rückschläge anfällig. Ohne größere Ölpreis-, Währungs- oder Bankenschocks dürfte die Dynamik in den nächsten Monaten aber reichen, um sie wegzustecken. Selbst die Krisenpanik in Sachen Dubai und Griechenland hatte ja keine spürbaren realen Konsequenzen mehr. Die Griechen machen nicht mal drei Prozent des Euro-BIPs aus – realökonomisch also vernachlässigbar.

Kritischer ist das, was sich mittelfristig aufzubauen droht. In den USA nimmt der Anteil der Finanzbranche an allen Firmengewinnen schon wieder unbekümmert zu. Kurz vor der Krise lag er bei überpumpten 40 Prozent – ein Grund für den Crash. Jetzt sind es schon wieder 30 Prozent bei insgesamt steigenden Gewinnen – zweimal mehr als in der stabilen Nachkriegszeit üblich. Das ist kurzfristig nicht so schlimm, da die Vorsicht gebietet, die Banken noch eine Weile zu bemuttern. Auf Dauer steckt mangels drastischer Finanzregulierung darin aber das Potenzial für das nächste Desaster.

Ähnliches gilt für Deutschlands penetranten Hang, gemessen am eigenen Export viel zu wenig zu importieren. Der Handelsüberschuss ist binnen weniger Monate 2009 wieder in die Nähe der dauerhaft untragbaren Niveaus von 2007/08 hochgeschossen, die zur Krise ebenfalls beitrugen: Die Deutschen machten damit einen Hauptteil der globalen Ungleichgewichte aus und hatten über Jahre so viel Kapital netto übrig, dass es für ziemlich unsinnige Sachen genutzt wurde. Zum Beispiel von Landesbanken für Subprime-Kredite.

Auch Exportüberschüsse berauschen, provozieren auf Dauer aber die nächste Krise. Zumal sie auch neue Teuerungsschübe beim Euro auszulösen drohen, die den Export dann wieder gefährden – eine absurde Spirale.

Zu alledem könnte ab 2011 kommen, dass in Deutschland finanzpolitische Chaostage toben. Senkt Schwarz-Gelb dann noch mal Steuern, droht der schlimmste aller Fälle: Dann wird Geld gegeben für etwas, das zwar grundsätzlich schön ist, der Konjunktur aber wenig hilft – während womöglich dort dann hektisch gekürzt wird, wo es der Konjunktur viel mehr schadet, sei es durch steigende Sozialabgaben oder gekürzte Renten. Wie wenig es kurzfristig bringt, Einkommensteuersätze pauschal zu senken, hat sich gerade gezeigt. Das Einzige, was 2009 nach Berechnung des Statistikamts die Ausgabenlust der Deutschen stützte, war der gezielte Kaufanreiz durch die Abwrackprämie. Ohne die Autokäufe, die diese auslöste, wäre der Konsum 2009 um 0,5 Prozent gesunken – trotz diverser Steuersenkungen aus Merkels Konjunkturpaket II.

Es wäre gut, die schöne Zeit 2010 zu nutzen, um den nächsten Krisen vorzubeugen. Danach könnte es zu spät sein.

E-Mail fricke.thomas@guj.de

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