Startseite > Chefökonom > Die Kolumne – Ehrenrettung für Griechenland

Die Kolumne – Ehrenrettung für Griechenland

4. Februar 2010

Das Geschimpfe auf die Griechen nimmt kriminell-groteske Züge an. Vielleicht deshalb, weil sich bei seriöser Ursachensuche mancher Stabilitätsmahner aus Frankfurt, Brüssel und Berlin als mitschuldig entpuppen würde.

Ja, es war dumm von griechischen Politikern, das Staatsdefizit schönzurechnen. Und ja, es sieht so aus, als hätten die Griechen mehr ausgegeben, als sie es eigentlich hätten tun sollen. Was Hinz und Kunz aber mittlerweile so alles über Griechenland und seine Krise von sich geben, nimmt allmählich groteske Züge an.

Da wird der „Niedergang“ des Landes beschworen, der Grieche per se zum Schummler und die gesamte Wirtschafts- und Finanzpolitik für „schlecht“ erklärt. Meist von Sesselkommentatoren, die sich bis vor Kurzem bestenfalls mit Ouzo auskannten. Und der Chefökonom der Europäischen Zentralbank (EZB) empfiehlt gleich mal durchweg sinkende Löhne. Hau ruck. Mit Gewissenhaftigkeit hat das ähnlich viel zu tun wie das Tricksen der Zahlenmeister aus Athen. Dabei spricht viel dafür, dass die Krise allein durch griechische Mentalitätsmängel kaum erklärbar ist. Manch europäischer Moralapostel scheint da eher davon ablenken zu wollen, dass er zum Desaster beigetragen hat.

Schuld sind sinkende Steuereinnahmen

Es ist keine drei Jahre her, da schwärmten OECD-Ökonomen, Griechenland habe „die zweitbeste Performance aller Industrieländer“, die Wirtschaft sei sei „dank struktureller Reformen robuster geworden“, die Etatkonsolidierung komme voran. Das längerfristig angelegte Potenzialwachstum wurde auf vier Prozent veranschlagt. Und bei der EU-Kommission kann man seitenlang nachlesen, was Athen alles entbürokratisiert oder wie es etwa Elektrizitätswerke und Telekommunikationsbetriebe privatisiert hat.

Griechenlands Staatsdefizit war trotzdem zu hoch, klar. Nur hätte das in Normalzeiten keinen Bankrott legitimiert (das tut es selbst jetzt nicht). Und der Grund scheint auch gar nicht in Ausgabenschluderei zu liegen: Gemessen am Bruttoinlandsprodukt gaben griechische Staatseinrichtungen bis zum Eintreffen der Finanzschockwellen 2007 weniger Geld aus als die deutschen. Die Staatsquote war niedriger, nicht höher. Sie ist im vergangenen Jahrzehnt sogar gefallen.

Wenn das Staatsdefizit dennoch hoch blieb, lag das eher daran, dass zugleich die Einnahmenquote des Staates sank – ein Befund, der es in sich hat. Immerhin hat ja jene EU-Kommission, die sich jetzt über hohe Defizite so entrüstet, jahrelang auch auf sinkende Steuern gedrungen. Das befolgten die Griechen genauso wie einst Hans Eichel, und beiden brachte es Schulden ein. Mit dem Unterschied, dass Deutschland in seiner Panik die Mehrwertsteuer um drei Punkte erhöhte, was wiederum zur Dauerkonsumkrise beitrug – auch nicht schön.

Und das Schludern bei Löhnen und Kosten? Klar pflegen griechische Lohnzuwächse höher auszufallen als die Vereinbarungen braver deutscher Metallgewerkschafter. Das hat auch den Verteilungsspielraum hin und wieder gesprengt. Nur stiegen die Lohnstückkosten in den drei Jahren bis 2007 auch nicht schneller als in den USA, wo das Plus historisch eher moderat blieb. Sonst wären Griechenlands Exporte seit 1993 sicher nicht um real 150 Prozent gestiegen. Und die Zahl der Jobs wäre von 1998 bis 2007 nicht jedes Jahr um 1,3 Prozent gestiegen – bei angeblich überteuerten Arbeitskräften. Die griechische Arbeitslosigkeit fiel zwischen 2000 und Mitte 2008 um 40 Prozent, die strukturell bedingte Quote laut OECD seit 2005 um immerhin einen halben Punkt – und damit etwa so stark wie im Land der gelobten Agenda 2010.

Wenn die Griechen trotzdem ein Außenhandelsdefizit von mehr als zehn Prozent des BIPs erreichten, muss auch das noch andere Gründe haben. Mindestens ein Drittel des Verlusts an Wettbewerbsfähigkeit kommt daher, dass der Euro für griechische Exporteure seit 2000 um fast 15 Prozent teurer geworden ist. Das liegt wiederum eher am Scheitern der EZB, die Währung nach außen auf ökonomisch sinnvollem Niveau zu halten. Je nach Schätzung sind europäische Waren allein wechselkursbedingt im Dollar-Raum um ein Drittel überteuert.

Zu einem negativen Saldo gehören auch immer zwei Seiten: zum Beispiel eine deutsche, deren Protagonisten jahrelang alles darangesetzt haben, die eigene Wirtschaft durch Reform und Verzicht wettbewerbsfähiger als andere zu machen – und die sich jetzt wundern, dass die anderen nicht mehr wettbewerbsfähig sind und dann in Krisen stürzen.

All das enthebt griechische Politiker nicht der Verantwortung. Das ist aber nur ein Teil der Geschichte. Der griechische Staat wird jetzt von jenen Finanzhändlern mit Panikprämien bestraft, die er – wie andere Staaten auch – mit viel Steuergeld gerade vor dem Absturz und steigenden Prämien gerettet hat.

Eine solche Krise lässt sich weder durch plumpe Klischees noch durch Kontrollorgien gegen griechische Regierende beheben. Dazu gehört mehr: eine EU-Kommission, die aufhört, einen angeblich tollen Steuersenkungswettlauf zu predigen, den am Ende keiner bezahlen kann; eine Notenbank, die ihren Job auch darin sieht, überteuerte Wechselkurse zu verhindern; oder eine Bundesregierung, die aufhört, Moralapostel zu spielen, und stattdessen das naive Modell aufgibt, Deutschland via sinkende eigene Ansprüche auf Kosten anderer sanieren zu wollen.

Und, natürlich, Finanzmarktjongleure, die sich einen anderen Job suchen sollten, bevor sie den Kontakt zur Wirklichkeit komplett verlieren und das nächste Land in den Ruin spekulieren.

E-Mail fricke.thomas@guj.de

About these ads
Schlagworte:
Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 117 Followern an