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Neue Denker, die neue FTD-Reihe (3) – Wenn Reiche zu wenig Steuern zahlen

29. März 2010

Die Krise hat der etablierten Ökonomie zugesetzt – und bahnt den Weg für Neues. Die FTD stellt jeden Dienstag einen der Wissenschaftler vor, die mit frischen Ideen zum Neustart beitragen. Heute: Thomas Piketty.

Bis vor Kurzem bewegte es vor allem Sozialforscher und Linke, wenn Einkommen stark auseinander drifteten. In den etablierten Modellen der Ökonomie galt der Leitsatz, dass Einkommensgefälle per se gut sind, weil sie die Leistungsanreize erhöhen. Seit ein paar Jahren zweifeln aber auch Ökonomen an dem Leitsatz. Darunter ist der international renommierte französische Wissenschaftler Thomas Piketty, der in Langzeitstudien herausfand, dass großen Finanzkrisen oft ein besonders krasses Auseinanderdriften der Einkommen voraus ging. Ein Befund, der Piketty zu ziemlich provokanten Forderungen bewegt.

Die Idee Auf bisher einmalige Art wertete Piketty mit Oxford-Ökonom Anthony Atkinson und Berkeley-Kollege Emmanuel Saez aus, wie sich Einkommen und Vermögen seit Anfang des 20. Jahrhunderts rund um den Globus entwickelten. Ergebnis: Das oberste ein Prozent der US-Bevölkerung verdiente 1928, also kurz vor der ersten großen Wirtschaftskrise, fast ein Viertel der Einkommen. In den prosperierenden Jahrzehnten danach sank dieser Wert auf nur noch neun Prozent. Ende der 1970er Jahre kehrte sich der Trend um: Der Anteil des obersten Prozent der Bevölkerung stieg steil und erreichte 2006, kurz vor Ausbruch der Finanzkrise, 23 Prozent. Wieder erwirtschaftete das reichste ein Prozent ein Viertel des Einkommens.

Nach Pikettys Vermutung ist das kein Zufall: das Auseinanderdriften der Einkommen scheint einen Teil der Finanzkrisen zu erklären – und umgekehrt. Wenn die Finanzbranche zu stark wachse, fördere dies das Einkommensgefälle, weil entsprechende Vermögensgewinne vor allem den obersten Einkommen zugute kämen, sagt Piketty.

Was Praktiker daraus lernen Aus der Diagnose leitet der Pariser Wissenschaftler einen unkonvertionellen Schluss ab: die Einkommen sollten stärker progressiv besteuert werden – nachdem der Trend in den vergangenen Jahrzehnten in die umgekehrte Richtung ging. Ein Vorteil: Gerade in Zeiten fortgeschrittener Finanzblasen könne dies den Hang zu riskantem Anlageverhalten bremsen und so Übertreibungen an den Finanzmärkten verhindern helfen, sagt Piketty. Nach seiner Diagnose haben Steuersenkungen seit Ende der 70er-Jahre dazu beigetragen, dass sich die Einkommensschere stetig geöffnet habe.

Piketty zweifelt an der gängigen Lehrbuchmeinung, dass höhere Steuern bei sehr hohen Einkommen noch stark leistungsmindernd wirken. Wenn wie derzeit der Unmut über ungleiche Einkommen in der Bevölkerung zu groß werde, habe eine progressivere Steuer zudem den Vorteil, dass sie weniger ökonomischen Schaden anrichte als anderes.

Bestärkt sieht sich Piketty in der Geschichte. Nach der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren setzte US-Präsident Franklin D. Roosevelt eine 91-prozentige Steuer für Einkommen durch, die bei jährlich mehr als 200.000 $ lagen – Gegenwert heute: etwa zwei Mio. $. Bis 1980 lag diese Steuer im Schnitt dann bei 80,2 Prozent – ohne dass dies den „amerikanischen Kapitalismus“ außer Kraft gesetzt habe. Das Wirtschaftswachstum war sogar relativ hoch.

Piketty schlägt vor, extrem hohe Einkommen auch extrem zu belasten. So könnten Gehälter von über einer Million Euro mit 80 Prozent Einkommensteuer belegt werden. Betroffen wäre davon weniger als ein halbes Prozent der Bevölkerung.

FTD 30.03.2010, von Mathias Ohanian und Thomas Fricke

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