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IWF spielt Abkehr vom Exportmodell durch

14. April 2010

Länder wie Deutschland und China stehen wegen ihrer Fokussierung auf Ausfuhren in der Kritik. Der Internationale Währungsfonds macht Staaten wie ihnen Mut: Der Abbau von Überschüssen müsse nicht schaden – ganz im Gegenteil. Von Mark Schrörs und Mathias Ohanian

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Ein Abbau großer Überschüsse in Handelsbilanzen muss laut einer Untersuchung des Internationalen Währungsfonds (IWF) nicht automatisch dazu führen, dass das Wachstum geringer ausfällt oder die Arbeitslosigkeit steigt. Im Gegenteil: “Die Qualität des Wachstums verbessert sich”, schreiben die IWF-Experten in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie, für die sie 28 Fälle der vergangenen 50 Jahre analysiert haben, in denen Länder Handelsüberschüsse aktiv gesenkt haben. Das Wachstum werde in diesem Fall ausgeglichener.

Das gilt laut den Washingtoner Experten auch für den Fall, dass der Abbau des Überschusses stark über eine Aufwertung der heimischen Währung erfolgt, die Exporte verteuert und Importe verbilligt – zumal, wenn sie durch Schritte zur Stärkung der Binnennachfrage oder Strukturreformen ergänzt wird. Der IWF veröffentlichte die Studie als analytisches Kapitel seines neuen Weltwirtschaftsausblicks. Den gesamten Bericht gibt es nächsten Mittwoch.

China wird zwar nicht explizit erwähnt. Der Bericht dürfte die Diskussion um den chinesischen Leistungsbilanzüberschuss aber dennoch anheizen. Die USA und andere Länder werfen China immer offener und aggressiver vor, die Landeswährung Renminbi künstlich niedrig zu halten und sich so Wettbewerbsvorteile zu verschaffen – was zu dem Überschuss führt. Die Volksrepublik weist die Kritik zurück und argumentiert, eine zu starke Aufwertung könne das Wachstum schwächen.

Zugleich stellt sich der IWF mit der Studie indirekt aber auch gegen Ängste in Deutschland, die im Zuge der Debatte über das hiesige Exportmodell aufgekommen sind. Vor allem die französische Finanzministerin Christine Lagarde hatte kritisiert, dass sich Deutschland zu sehr auf seine Ausfuhrerfolge verlasse und zu wenig für die Binnennachfrage tue. Deutsche Politiker und Volkswirte hatten die Sorge geäußert, eine Abkehr vom Exportmodell könne Wachstum kosten.

Mit seiner Studie will der IWF eine Lücke schließen. Es gibt zwar viele Untersuchungen darüber, wie Defizitländer ihre Probleme angehen können. Nur wenig ist aber zu der Frage veröffentlicht worden, wie Überschussländer handeln sollten. Für Deutschland sind die Ergebnisse jedoch nur bedingt brauchbar, weil es seit dem Beitritt zum Euro keine eigene Währung mehr hat.

Die Aufwertung der jeweiligen Landeswährung spielte besonders in den fünf Fällen eine zentrale Rolle, die sich die IWF-Volkswirte intensiv angeschaut haben: Japan 1973 und 1988, Deutschland 1970, Korea 1989 und Taiwan 1988. Hintergrund für die Auswahl ist laut IWF, dass diese Staaten vor dem Abbau der Überschüsse in einer ähnlichen Lage waren wie die heutigen Überschussländer – inklusive unterbewerteter Währungen. Auch das deutet darauf hin, dass der IWF stark auf China zielt.

Die Washingtoner Organisation kommt in der Analyse zwar zu dem Ergebnis, dass sich der Abbau von Überschüssen in einzelnen Fällen auf Wachstum und Beschäftigung teils sehr unterschiedlich ausgewirkt hat. Dazu hätten aber auch externe Faktoren beigetragen, die berücksichtigt werden müssten, etwa die Stärke der Weltwirtschaft und des Welthandels zum jeweiligen Zeitpunkt. Im Durchschnitt belege die Historie nicht, dass das Wachstum automatisch sinke. Vielmehr habe sich die Qualität sogar verbessert, unter anderem, weil das Wachstum weniger einseitig auf den Exporten basiert, sondern auch die Binnennachfrage stärker beigetragen habe.

Die besten Ergebnisse erzielten die Länder laut der IWF-Analyse, wenn Aufwertungen durch makroökonomische Initiativen ergänzt wurden – wenn etwa mittels der Fiskalpolitik die Binnennachfrage gestützt wurde oder die Geldpolitik in Anbetracht des erwarteten Wachstumsrückgangs durch die teurere Währung etwas lockerer gehalten wurde als nötig.

Zugleich verweisen die IWF-Volkswirte aber darauf, es habe auch Fälle gegeben, in denen Politiker die Wirtschaft zu stark angekurbelt hätten. Als Beispiel führen sie unter anderem Deutschland in den 1970er-Jahren an. Deshalb warnen sie: “Es gibt das Risiko, dass eine solche Politik die Inflation anheizt und zu Übetreibungen bei Vermögenspreisen führt.

Fallbeispiel Dass es nicht ganz einfach sein kann, die Überschüsse abzubauen, zeigt das Beispiel Japans. Das Land schrumpfte den Leistungsbilanzüberschuss in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre von über 4,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 1986 auf etwa 1,5 Prozent bis 1990. Insgesamt wertete der japanische Yen in den beiden Jahren bis Ende 1986 um etwa 46 Prozent gegenüber dem Dollar auf. In diesem Jahr gingen die Exporte um rund sechs Prozent zurück. Das Wachstum fiel von fünf Prozent im Jahr 1985 auf 2,5 Prozent in 1986. Um ein noch langsameres Wirtschaftswachstum zu verhindern, stimulierten die Japaner mit expansiver Fiskal- und Geldpolitik – bis das Wachstum 1988 wieder rund 5,7 Prozent betrug. Die Beschäftigung stieg in dem Jahr um 1,5 Prozent.

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