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Neue Denker der Ökonomie (9) – Olivier Blanchard und die neue Makropolitik

18. Mai 2010

Mit seinen Zweifeln am Zwei-Prozent-Inflationsziel brach Olivier Blanchard ein Tabu. Dabei ging es dem Franzosen zuvorderst darum, die Makroökonomie nach der Krise zu überdenken.

Bisher sahen die Konsenspfeiler der Makropolitik so aus: Preisstabilität und geringe Inflation sind das primäre Ziel der Notenbanken, das zentrale Steuerinstrument dafür der Leitzins. Fiskalische Maßnahmen zur Konjunktursteuerung sollten möglichst wenig bis gar nicht genutzt werden. Diese wirtschaftspolitischen Grundweisheiten seien durch die Krise erschüttert worden – sagt Blanchard, Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF). Er drängt auf eine Runderneuerung der Makroökonomie.

Die Idee Mit seinem Thesenpapier „Rethinking Macroeconomic Policy“ sorgte der Franzose zu Jahresbeginn für Wirbel. Während vor allem sein Infragestellen gängiger Inflationsziele für Aufregung sorgte, steckt weit mehr in dem Papier. Blanchard fordert nicht weniger als eine Generalüberprüfung makropolitischer Grundsätze: „Wir müssen uns alles neu anschauen, alle Elemente der Geld- und Fiskalpolitik“, sagte Blanchard der FTD.

In seinem Grundsatzpapier hat der renommierte Ökonom die Lehren der Krise zusammengefasst: Preisstabilität sei notwendig, dürfe aber nicht alleiniges Ziel der Geldpolitik sein, zumal geringe Inflation in bestimmten Zeiten ein „Flirten mit der Deflation“ bedeute. Antizyklische Fiskalpolitik könne, wie in der jüngsten Krise, überlebenswichtig sein – und daher müsse in guten Zeiten durch saubere Haushaltsführung Spielraum dafür geschaffen werden.

Der IWF-Chefökonom argumentiert, dass es nicht ausreiche, nur auf Inflation und Output zu schauen. Die Makropolitik müsse weitere Ziele im Auge behalten – wie zum Beispiel die Entwicklung von Vermögenspreisen zur Erkennung von Blasen.
Zugleich hat die Wirtschaftspolitik laut Blanchard mehr Instrumente zur Verfügung, als bisher genutzt werden. Von der Geldpolitik fordert er, auch direkte Interventionen der Zentralbank in Erwägung zu ziehen, statt nur auf die Zinsschraube zu schauen – und zwar auch in Nichtkrisenzeiten.

Die Fiskalpolitik muss seiner Ansicht nach vor allem die automatischen Stabilisatoren stärker nutzen – also Steuersenkungen oder höhere Staatsausgaben zur Stimulierung der Wirtschaft, die dem Konjunkturzyklus folgend greifen. Denn die Krise habe gezeigt, dass aktive Fiskalpolitik meist zu spät kommt. Hier schlägt Blanchard zum Beispiel Steuererleichterungen für Unternehmen vor, die automatisch bei einem Abschwung einsetzen.

Was Praktiker daraus lernen  Praktiker können sich über recht konkrete und pragmatische Ansätze Blanchards freuen. Innerhalb der Riege der Starökonomen ist Blanchard als IWF-Chefvolkswirt der Praxis besonders nahe. Der Währungsfonds hat unter Blanchard und seinem französischen Kollegen Dominique Strauss-Kahn als Direktor bereits mit so mancher Ideologie der Vergangenheit gebrochen. So gehörte der IWF zu den Ersten in der Krise, die massive Konjunkturpakete befürworteten – früher undenkbar in der Washingtoner Institution, die lange vor allem für strikte Ausgabendisziplin stand. Durch den Einfluss des Währungsfonds auf Regierungen weltweit wurde aus Blanchards Ideen im Eiltempo rund um den Globus reale Wirtschaftspolitik.

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