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Neue Denker der Ökonomie (11) – Simon Johnson und der Einfluss des Finanzsektors

2. Juni 2010

Seit der Deregulierung des Finanzsektors beeinflusst die Branche die öffentliche Meinung immer stärker. Es ist höchste Zeit, das wieder zu ändern, sagt Simon Johnson

Nach wie vor vertreten viele Politiker und Finanzprofis die Ansicht, die aktuelle Notlage an den Finanzmärkten sei das Ergebnis einer Verkettung unglücklicher Umstände. Um die Missstände zu beheben, reiche es aus, an einigen Stellschrauben zu drehen. Dann laufe das System wieder wie geschmiert, so die Vorstellung dieser Experten. Reformiere die Politik die Finanzmärkte zu exzessiv, könnte das schwerwiegende Probleme auch für die Realwirtschaft nach sich ziehen, warnen sie.

Doch nach Ansicht von Simon Johnson war die Finanzkrise kein zufälliger Schock, sondern das zwangsläufige Resultat einer Verschiebung des politischen und wirtschaftlichen Rahmens in den vergangenen 30 Jahren. „Die Ideologie der Wall Street hat von Washington Besitz ergriffen“, sagt der Mann, der als ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF) kaum im Verdacht steht, ein verkappter Linker oder Untergangsprophet zu sein.

Die Idee Johnson verweist auf das Ende der 1970er-Jahre als entscheidende Phase. Damals startete die Deregulierung des US-Finanzsektors. In der Folge konnte die Branche mehr Geld verdienen, welches wiederum in zusätzliche Lobbyarbeit floss. Noch mehr Deregulierung war die Folge, sagt er – bis heute.

Und so sei in den vergangenen drei Dekaden ein Kreislauf entstanden, der seiner Einschätzung nach in einem Endzeitszenario münden könnte: Sparer und Gläubiger stellen Geld bereit, in der Hoffnung, hohe Erträge zu erhalten. Die investierenden Banken gehen bei ihren Anlageentscheidungen immer höhere Risiken ein – in der Gewissheit, der Staat werde sie im Zweifel schon retten. „Wir ermuntern das Bankensystem, große und sozial gefährliche Risiken einzugehen“, so der ehemalige IWF-Chefökonom.

Mittlerweile halten die sechs größten US-Geldinstitute ein Vermögen, das rund 63 Prozent der US-Wirtschaftsleistung entspricht, sagt Johnson. Zum Vergleich: 1995 seien es erst 17 Prozent gewesen. Und seit dem Bailout im März 2009, als die Chefs der 13 größten US-Geldinstitute zu Kreuze kriechen und bei der Regierung um Hilfen betteln mussten, habe sich das Problem noch weiter verschärft. „Die größten Banken sind jetzt größer, mächtiger und gefährlicher als je zuvor“, sagt Johnson. Und so sei auch das Prinzip „Too big to fail“ heute akuter denn je zuvor.

Was Praktiker daraus lernen Aus diesem Grund fordert Johnson, dass die Politik endlich mit diesem Prinzip brechen solle. Banken müssten „small enough to fail“ werden, so seine Forderung. Um das zu erreichen, bedürfe es aber weit mehr als kleiner Veränderungen – ein neuer „Theodore-Roosevelt-Moment“ sei notwendig.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schockierte US-Präsident Roosevelt Großunternehmer wie JP Morgan, die mit ihren Konzernen zu viel Marktmacht und politischen Einfluss gewonnen hatten, mit einschneidenden Gesetzesänderungen. Ihr Monopol wurde stark beschnitten, der Wettbewerb verschärft.

Und 1912, zehn Jahre nach den Reformen, hatte sich die öffentliche Meinung bereits so weit gewandelt, dass auch John D. Rockefellers Megakonzern Standard Oil in 34 kleinere Unternehmen geteilt werden konnte. „Damals hatte sich der öffentliche Konsens vollständig verschoben“, so Johnson. Und heute, sagt er, sei es erneut an der Zeit, ein solches Umdenken zu erreichen.

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