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Neue Denker (14): William White und der Teufelskreis niedriger Zinsen

22. Juni 2010

Zentralbanken folgen in Krisenzeiten Reaktionsmustern, die zur nächsten Krise führen. Davor warnt William White schon seit Jahren

Es ist ein altes Muster, nach dem die Zentralbanken 2008 den nahenden Kollaps bekämpften: Im Angesicht der Katastrophe blieb Notenbankern von Washington bis Frankfurt kaum eine andere Wahl, als den Leitzins nahe null zu senken. So sollte kurzfristig ein noch härterer Absturz oder gar eine jahrelange Depression abgewendet werden. Ein Teufelskreis – glaubt William White, einstiger Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. Denn die expansive Geldpolitik stütze zwar das Wirtschaftswachstum, zugleich führe sie aber zu Ungleichgewichten und Risiken an den Finanz- und Vermögensmärkten – und damit früher oder später zur nächsten Blase.

Die Idee Der Kanadier fordert den Ausstieg aus diesem Teufelskreis. Nach seiner Ansicht braucht es dafür in Zukunft einen neuen analytischen Rahmen – einen, der nicht nur Wachstum und Inflation, sondern auch die Entwicklung von Vermögenswerten und Ungleichgewichten stärker berücksichtigt. Die Gestalter der Geldpolitik sollten auch Bilanzen und Aktienentwicklungen im Blick haben. Tun sie dies, so könnten sie laut White Finanzblasen schneller erkennen und durch eine vorausschauende, frühzeitige Reaktion der Geldpolitik verhindern – statt erst dann mit extremer Niedrigzinspolitik zu reagieren, wenn die Blase einmal geplatzt ist.

Was Praktiker daraus lernen Als einstiger Chefanalyst der BIZ, einer Art Oberaufseher der Notenbanken, wendet sich White vor allem an die Zentralbanker. Von White, der lange vor dem Platzen der Immobilienblase vor den Risiken warnte, können sie lernen, ihren Blick auch auf andere Kennzahlen als die bisher gängigen zu lenken. White selbst hat knapp drei Jahrzehnte als Notenbanker gearbeitet. Er gesteht ein, dass man in dieser Funktion oft in Zielkonflikten steht. Doch er fordert bei geldpolitischen Entscheidungen eine größere Sensibilität für Ungleichgewichte und damit für das Risiko neuer Blasen.

Nächste Woche: Ernst Fehr und die Ökonomie der Rache.

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