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Neue Denker (17): Anatole Kaletsky und der neue Kapitalismus

12. Juli 2010

Die Wirtschaftswissenschaften stehen heute zum vierten Mal in ihrer Geschichte vor einem großen Wandel, sagt Anatole Kaletsky

Früher pendelten ökonomische Dogmen zwischen Misstrauen gegenüber Markt und Staat hin und her. Der Kapitalismus der jüngsten Generation hat sich selbst zerstört, glaubt Anatole Kaletsky, britischer Wirtschaftswissenschaftler und Journalist bei der Tageszeitung „The Times“. Nun werde die Ökonomie einen neuen Weg beschreiten – doch dieser sollte laut Kaletsky pragmatischer sein als zuvor.

Die Idee Den ersten grundlegenden Wandel erlebte der Kapitalismus in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Zuvor herrschte der Glaube an freie Märkte. Wirtschaft und Staat bewegten sich in unterschiedlichen Sphären – Steuern wurden höchstens erhoben, um Kriege zu finanzieren oder Handelsbarrieren zum Erreichen politischer Ziele zu errichten. Erst die große Wirtschaftskrise änderte das: Ab sofort waren New Deal und europäischer Wohlfahrtsstaat die Schlagwörter der Stunde. Bis Ende der 1970er hielt diese Phase an, in der Regierungen und Ökonomen freien Märkten strikt misstrauten. Mit dem rapiden Anstieg der weltweiten Inflation schien aber auch dieses Modell obsolet – die Regierungen um Margaret Thatcher und Ronald Reagan fanden zum fundamentalen Glauben an die freien Märkte zurück. Dem Staat wurde nicht nur misstraut, er wurde dämonisiert, so Kaletsky. Mit beidem müsse nun Schluss sein.

Was Praktiker daraus lernen Mit seiner „Selbstzerstörung“ in der jüngsten Krise hat der Kapitalismus laut Kaletsky das Tor zu einer neuen Evolution aufgestoßen. Sowohl Märkte als auch Staaten machen entscheidende Fehler, so Kaletsky. Diese Fehlbarkeit sollte aber nicht lähmen, sondern die Zusammenarbeit zwischen Ökonomie und Politik vertiefen. Experimente und Pragmatismus müssen daher jetzt die Schlagworte sein – auch wenn damit ein Verlust an Konsistenz und Kohärenz einhergehe. Regierungen und Zentralbanken müssten jetzt gemeinsam für Wachstum, Beschäftigung und stabile Inflationsraten sorgen.

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