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Neue Denker (21) Armin Falk und die experimentelle Ökonomie

9. August 2010

Das Modell des Homo oeconomicus musste zuletzt viele Angriffe ertragen. Armin Falk geht einen Schritt weiter. Er will die ganze Vielseitigkeit des Menschen so gut wie möglich berücksichtigen

Die jüngste Spendenaktion amerikanischer Milliardäre kennt Armin Falk im Prinzip schon aus seiner Forschungsarbeit. Der Wirtschaftsprofessor aus Bonn hat dieses Verhalten in vielen Experimenten erforscht. Sein Fazit: Menschen verzichten auf umso mehr, je mehr auch andere verzichten – genau das Verhalten also, worauf Bill Gates und Warren Buffett jetzt setzen. Längst sind sich viele Ökonomen einig, dass das alte Modell des Homo oeconomicus, des nutzenmaximierenden Egoisten, nur selten stimmt. “Uns geht es nicht mehr darum, dieses Menschenbild zu widerlegen. Wir sind einen Schritt weiter: Wir wollen genau wissen, was stattdessen an seine Stelle tritt”, sagt Falk.

Die Idee Mithilfe von vielen Experimenten hat der Ökonom beobachtet, dass für das Verhalten der Menschen die Reziprozität das entscheidende Prinzip ist. Faires Verhalten wird belohnt, auch wenn die Belohnung sich finanziell gar nicht auszahlt, sondern nur kostet. Dieses reziproke Verhalten ist die Grundlage für viele Verhaltensweisen, die im Alltag wichtig sind – neben dem Streben nach Geld. “Im Grunde kehrt die Wirtschaftswissenschaft damit dorthin zurück, wo sie im 18. Jahrhundert schon einmal war, etwa bei Adam Smith”, sagt Falk. Fast 250 Jahre später nutzen die Ökonomen moderne Technik aus Medizin, Psychologie und der Genetik. So zeigt sich, dass unfaire Behandlung physische Reaktionen hervorruft und die Bereitschaft, Risiken einzugehen, scheint genetisch mitbedingt zu sein.

Damit öffnet sich die Wirtschaftswissenschaft für Erkenntnisse anderer Disziplinen und Alltagserfahrungen. Sie hat damit die Chance, das schlechte Image der Dismal Science – der tristen Wissenschaft – das ihr traditionell anhaftet, abzulegen. Allerdings zu einem gewissen Preis: Ist der Mensch nicht mehr so simpel gestrickt wie einst angenommen, werden Modelle und Prognosen schwieriger. Falk sieht das als Chance: “Was nutzen uns Modelle, die mit einem Fabelwesen arbeiten, das es nicht gibt? Wir müssen einsehen, dass die Menschen heterogen sind.” Die Unterschiede würden für Wissenschaft und Politikberatung immer wichtiger, so Falk. “Natürlich wird die Ökonomie damit komplizierter, aber auch viel lebensnäher und damit spannender.”

Was Praktiker daraus lernen Falk ist keiner, der alles über den Haufen werfen will, was bislang galt. “Viele Methoden und Lehren der alten Ökonomie sind richtig.” Dass finanzielle Anreize wichtig sind etwa. Aber genauso wichtig ist, dass Bürger und Angestellte das Gefühl haben, fair behandelt zu werden. Dann hinterziehen sie etwa weniger Steuern. Kontrolliert beispielsweise der Chef seine Angestellten zu sehr, sind diese weniger motiviert und am Ende weniger produktiv als in einer Atmosphäre, in der sie mehr Freiheiten genießen. “Hier kommen plötzlich Dinge wie Kommunikation, Symbole und Sensibilität für die Personen ins Spiel.”

In Experimenten hat Falk zudem gezeigt, dass sich die Risikobereitschaft der Menschen deutlich unterscheidet: Amerikaner etwa sind risikobereiter als Europäer, Männer mehr als Frauen, und Jüngere mehr als Ältere.
Für eine alternde Gesellschaft hat das große Auswirkungen, denn die Risikoneigung der Menschen prägt eine Gesellschaft an den unterschiedlichsten Stellen.

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