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Die Kolumne – Wer gegen die falsche Krise kämpft

3. Dezember 2010

Europäer ereifern sich gern über die US-amerikanische Geldschwemme. In Normalzeiten verständlich. Jetzt zeigt sich nur, dass das die bessere Antwort auf unnormale Zeiten ist.

Erst schimpfen, dann kleinlaut nachziehen. Das Muster scheint für Europas Krisenmanager zur Dauerübung im Vergleich mit den US-Kollegen zu werden. Ob bei den anfangs beschimpften US-Konjunkturpaketen, die es dann später auch hier gab; oder bei der Bankenrettung.

Das Gleiche könnte bald auch dafür gelten, ob Notenbanken in so einer Krise Staatsanleihen kaufen sollten. Worüber die Europäer noch vor vier Wochen schimpften, als die USA das ankündigten – um jetzt zaghaft nachzuziehen, wie es Jean-Claude Trichet, Chef der Europäischen Zentralbank, am Donnerstag vermeldete.

Wer recht hat, hängt stark davon ab, wer die Krise richtig deutet. Und ob das Euro-Debakel nur vom Schludern vernachlässigbarer Kleinstaaten kommt. Oder auch von chronisch labilen Finanzmärkten, die nach geplatzten Blasen in bizarre Panik verfallen.

It’s a market crisis, stupid

Nach gängiger europäisch-deutscher Lesart hat die Schuldenkrise wenig mit der Finanzkrise zu tun, die seit 2007 wütet. Nur damit, dass unvernünftige Regierungen zu viel Schulden gemacht haben – sodass die Länder eben fast pleite sind. Wenn das stimmt, ist klar, dass es politisch darum geht, die bösen Länder zu strafen und harte Sanierungen aufzuerlegen. Bis die Pleitegefahr weg ist. Dann wirkt schleierhaft, warum wir anderen groß helfen sollen; oder warum die EZB Staatsanleihen kaufen muss.

Die Frage ist nur, ob das so klar ist. Warum sind nur die Euro-Länder so unter Beschuss – obwohl Amerikaner, Briten, Japaner und Inder viel höhere Staatsdefizite haben und teils nicht mal groß abzubauen versuchen? Warum sind die Risikoprämien für griechische Staatsanleihen auf immer neue Rekorde gestiegen – obwohl die Griechen exakt das drakonische Konsolidierungsprogramm umgesetzt haben, was EU und IWF gefordert haben? Warum schießen selbst spanische Zinsen hoch, obwohl dort das Staatsdefizit 2010 nach Plan halbiert wird? Und: Stehen Zinsaufschläge von sechs bis neun Prozentpunkten noch in Relation zur Fundamentallage von Ländern, die ja nicht Simbabwe heißen?

Spätestens die irische Zuspitzung müsste auch die Deutschen stutzig machen. Warum sind irische Risikoprämien seit Mitte Oktober hochgeschossen, wo das reiche Land vor Wochen noch als Vorbild für Defizitabbau galt? Das Bankendrama war ja schon im September bekannt, als die Märkte noch ruhig darauf reagierten. Panik brach erst aus, als unsere Kanzlerin mit der Idee kam, inmitten panisch gewordener Gläubiger mit Gläubigerhaftung zu drohen. Bums.

All das drängt eine andere Lesart der Krise auf, bei der hohe Defizite eine Rolle spielen, klar, die Zuspitzung aber nur als Fortsetzung der globalen Finanzkrise erklärbar ist. Was einen großen Unterschied macht.

Schwere Finanzkrisen haben eine eigene Dynamik, sagt Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg Bank. Da steigen Staatsschulden überall, was den Anleihemarkt belastet. Zeitgleich fallen Investoren, die vorher kein Risiko kannten, in übertriebene Risikoaversion, so Markus Brunnermeier von der Universität Princeton. Memmen! Und die Spirale, die vorher nach oben ging, geht dauerhaft nach unten, was Experten als Prozyklik der Finanzmärkte beklagen. Und was in Europa seit einem Jahr unfreiwillig getestet wird: Erste Zweifel an der Finanzlage eines Staates führen zu steigenden Zinsen, die den Defizitabbau erschweren, worauf die Zweifel der Märkte wachsen und der Druck zu hastigen Konsolidierungspaketen steigt, die dann via steigende Steuern oder sinkende Ausgaben die Konjunktur dämpfen – und die Defizite über einbrechende Steuereinnahmen wieder steigen lassen. Fragen Sie mal den griechischen Finanzminister. Oder den irischen.

In so einem Ambiente erfüllt sich die Angst vor weiteren Krisen schnell selbst, sagt Schmieding – zumal wenn Finanzmärkte nach Platzen einer Blase ohnehin latent panisch sind. Wenn das stimmt, ergibt sich daraus eher das Gegenteil von dem, was deutsche Orthodoxie und Steuerzahlertheatralik lehren. Dann hat das deutsche Kleine-Länder-Ermahnen die Krise erst zum Drama werden lassen. Da verstärkt moralischer Druck nur den Schaden, den Investorenpanik und kopflose Sanierungspakete anrichten. Eher absurd, in so einem Moment Gläubigerhaftung zu fordern. Oder populistischem Gequatsche zu folgen, wonach wir anderen nicht helfen dürfen. Das ist Selbstschädigung.

Dann ist auch besser erklärbar, warum die Euro-Zone zum Krisenopfer wurde. Bei derart panikgetriebenen Märkten gehe es vor allem darum, Vertrauen wiederherzustellen, sagt Schmieding – und jedwede Pleitespekulationen wie Panikattacken zu kontern. Um eine wirtschaftlich gefährliche Systemkrise wie nach der Lehman-Pleite zu verhindern.

Dazu gehören glaubwürdige Garantien gegen den Absturz, die nirgendwo so lustlos und zweifelnd gegeben wurden wie im Euro-Raum unter deutscher Krisendeutung. Der Rettungsschirm kam erst nach Monaten Merkel-Zaudern, in denen das Vertrauen in den tatsächlichen Rettungswillen längst täglich erschüttert war. Ähnliches gilt für Notenbanken. Während Briten wie Amerikaner Staatsanleihen in drei- bis vierstelliger Milliardenhöhe kauften, um gar keine Pleiteängste aufkommen zu lassen, gab sich die EZB zaudernd. Voilà, Krise. Und bevor wieder Ruhe einkehren konnte, kam Frau Merkel mit der Gläubigerhaftung – was den nächsten Vertrauensabbruch brachte und das Irland-Drama auslöste.

Es spricht einiges dafür, dass die Euro-Krise zu verhindern gewesen wäre – wenn Euro-Regierungen und Notenbank vor einem Jahr klargemacht hätten, dass sie keinen Euro-Staat pleitegehen lassen. Und dass die Defizitländer dafür solide mittelfristige Schuldenabbaupläne machen. Dann wären die Zinsen nie so absurd gestiegen, und die Defizitländer hätten sich manche marktpanikgetriebene Hauruckaktion sparen können. Beides zusammen hätte die Chance enorm vergrößert, gar nicht in Pleitegefahr zu geraten.

Das Drama ist, dass den Euro-Regierungen nach monatelangem Moralzaudern keiner mehr glaubt, dass sie Pleiten nicht zulassen. Ein Merkel-Desaster. „Da bleibt nur noch die Notenbank, die fast unbegrenzt Ressourcen in eigener Währung mobilisieren kann“, so Schmieding. Um die letzte Chance zu nutzen.
So wie es aussieht, wird die EZB derweil noch ein bisschen zaudern und zetern – und dann wie europäisch geübt nachziehen, wenn es vielleicht zu spät ist. Ein teures Unterfangen. Auch für die Deutschen.

fricke.thomas@guj.de

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