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Die Kolumne – Und am Ende verlieren die Deutschen

10. Dezember 2010

Noch scheint die Wirtschaft enorm krisenresistent. Wenn das System kollabiert, droht Deutschland aber der größte Schaden. Das zeigte Europas letzter Währungskrach von 1992.

Der Euro scheint im Todeskampf, die Schuldenkrise immer schlimmer. Nur Deutschlands Wirtschaft meldet Monat für Monat bessere Geschäftsklimawerte. Als wäre nichts gewesen. Fragt sich nur, wie lange noch. Und ob die Finanzmarktpanik jetzt doch so gravierende Züge annimmt, dass die (für uns) virtuelle Finanzkrise zum realwirtschaftlichen Desaster wird.

Was ist, wenn das System kippt? Oder wenn erste Euro-Länder auszutreten erwägen, wie es Folklorevolkswirte à la Hans-Olaf Henkel mal eben empfehlen? Wen das besonders treffen könnte, lässt sich womöglich am Beispiel dessen erahnen, was der letzte europäische Währungskrach 1992/93 auslöste. Die Verlierer des Währungsbruchs waren damals nicht Spanier, Italiener oder Briten. Sondern die Deutschen, deren Export unter den Folgen noch ein Jahrzehnt litt.

Krisengewinnler – noch

Noch kann es uns egal sein, wenn vereinzelt kleine europäische Volkswirtschaften in Dauerrezession stecken. Da exportieren wir halt woandershin, zumal die Binnennachfrage auch bei uns mal anzieht. Da ist nicht einmal schlimm, wenn die Risikoaufschläge auf deutsche Staatsanleihen etwas steigen. Immerhin profitieren wir ja bisher von der Krise der anderen: weil ehemalige Anhänger irischer oder griechischer Anleihen jetzt in deutsche gehen und die Zinsen für uns sinken lassen. Krisengewinn.

Das Risiko liegt eher darin, dass zwei Szenarien in den vergangenen Wochen an Wahrscheinlichkeit gewonnen haben: ein Systemkollaps wie nach der Lehman-Pleite, als keiner keinem mehr traute, alle Geld horteten und der Welthandel binnen Wochen kollabierte. Oder ein verselbstständigter Vertrauensverlust nach dem Dominoprinzip, an dessen Ende früher oder später der Austritt von Krisenopfern aus dem Euro stünde.

Für dieses Szenario bietet die Krise 1992/93 gruseligen Anschauungsunterricht – bei allen Unterschieden zwischen dem damaligen Kursverbund und einer Währungsunion mit Einheitsgeld. Damals wie heute schwebten die Deutschen erst noch auf Wolke sieben; die Wirtschaft wuchs 1991 um fünf Prozent. Wie heute schien das Land – damals dank Einheitsboom – dem Rezessionssog der USA entgangen. Es gab tolle Boomprognosen. Und wie heute gab es andere Länder in Europa, die an den Märkten unter Druck gerieten – und denen die Deutschen hätten helfen können. Oder nicht. Oder zögerlich, sozusagen nach Merkel-Prinzip.

Damals hieß der Zauderer Helmut Schlesinger und war Bundesbankchef. Er ließ Leitzinsen selbst dann noch erhöhen, als die konjunkturellen Frühindikatoren schon Monate auf Rezessionskurs waren, als vor allem immer klarer wurde, dass dies immer absurderen Aufwertungsdruck auf die D-Mark auslöste und andere Währungen in Europa immer mehr zum Spekulationsobjekt werden ließ. Sich darum zu scheren, hatten die urdeutschen Bundesbanker damals ähnlich wenig Neigung wie in diesem Krisenjahr Frau Merkel – mit ähnlicher Folge: Die Krise wurde nur schlimmer, weil so viel Zögern Spekulanten animiert. Schönen Gruß an George Soros. Und: am Ende kamen die Deutschen doch nicht umhin, in Panik zu helfen.

Erst musste im September 1992 die Lira abwerten, was an einem – ach – Wochenende beschlossen wurde, zusammen damit, dass die Bundesbank dafür jene Zinserhöhung zurücknahm, die sie noch im Juli trotz aller Krisensignale beschlossen hatte (was an die EZB-Zinserhöhung von Juli 2008 erinnert). Zu spät. Da waren Spekulationsdruck und Vertrauensschwund schon zu stark, da half auch nicht mehr, dass die Bundesbank zwischenzeitlich für 60Mrd. DM schwache Währungen kaufte. Vier Tage später flogen britisches Pfund und Lira aus dem Europäischen Währungssystem (EWS). Im November folgte die nächste Krise: Abwertung von spanischer Peseta und portugiesischem Escudo. Im Februar 1993 waren die Iren dran. Kein Scherz.

Erst als im Juli selbst Frankreichs Franc zu kapitulieren drohte, räkelten sich Deutschlands Notenbanker, eine (überzeugtere) Garantie auszusprechen. Das rettete den Franc, verhinderte allerdings nicht, dass das EWS im August de facto ausgesetzt wurde.

Nach Diagnose des belgischen Ökonomen Paul De Grauwe animierten die wackeligen Garantien zur Kursverteidigung 1992/93 Spekulation und Panik – so wie 2010 die wackeligen Garantien der Kanzlerin für Griechen oder Iren. Da schwand mit jedem Monat das Vertrauen; musste immer mehr aufgewandt werden, um Schlimmeres zu verhindern; gerieten selbst solide Länder in den Sog.

Natürlich gab es Gründe, die eine oder andere Euro-Währung abzuwerten. So wie es heute auch griechische Probleme gibt. Nur hat sich damals wie heute die Marktpanik irgendwann verselbstständigt. Mit der Folge, dass die D-Mark damals um gewichtet 25 Prozent teurer wurde und selbst Ende 1998 noch überbewertet im Euro aufging – was die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Exporteure entsprechend atemberaubend einbrechen ließ. Dagegen wirkte der heimische Lohnanstieg niedlich; die Lohnstückkosten in eigener Währung stiegen sogar langsamer als im OECD-Schnitt. Anders als die Kosten nach Umtausch zum teuren D-Mark-Kurs.

Trauriges Jahrzehnt

In der Zeit nach dem EWS-Crash glänzten Spanier, Italiener und Briten mit Exporterfolgen (siehe Grafik). Die Deutschen erlebten den größten Absturz der Exportleistung seit Langem. Die Ausfuhren sanken 1992/93 trotz Aufschwung in den USA um gut sieben Prozent – und blieben in zwei Jahren um elf Prozent hinter der globalen Importnachfrage zurück. Was den Deutschen ein trauriges Jahrzehnt brachte, in dem Herr Henkel sonntäglich über Standortkrise und Kostenweltmeisterschaft klagte (die es ohne das zögerliche deutsche Währungskrisenmanagement von 1992 womöglich gar nicht gegeben hätte).

Die 92er-Entwicklung hat zeigt, wie schnell sich solche Vertrauenskrisen verselbstständigen, bis hin zu Kernländern wie Frankreich und mit schwindendem realem Bezug. Ein Warnsignal. Damals ging es um Wechselkurse, heute um Staatsanleihen. Das Prinzip ist ähnlich. Und die Erfahrung spricht dagegen, dass es die Deutschen heute billiger käme, wenn die Krisenländer mal schnell ausstiegen und ihre Währungen so schön anpassen, wie es mancher Professor vorrechnet. Könnte sein, dass den Deutschen dann ein neues Jahrzehnt Exportgejammer droht. Da ist jede Hilfsaktion eindeutig lustiger.

fricke.thomas@guj.de

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