Prognostiker des Jahres – Wer ist der Beste im Langzeittest?
Wir haben die Prognostiker seit 2002 ausgewertet. Im FTD-Check der Vorhersagen über neun Jahre liegt Carsten Klude von M.M. Warburg vorn.
Wer glaubt, dass gute Konjunkturprognosen reiner Zufall sind, der liegt falsch – das zeigt die FTD-Auswertung zu den besten Konjunkturprognosen im Schnitt der vergangenen neun Jahre. Hier schneiden einige Ökonomen regelmäßig gut ab – und andere liegen auffällig oft daneben. Der zuverlässigste Prognostiker ist nach der aktuellen Auswertung der Jahre 2002 bis 2010 erneut Carsten Klude von der Privatbank M.M. Warburg. Der Hamburger Ökonom verteidigte in der Langzeitauswertung seinen Titel aus dem vergangenen Jahr.
Seit 2002 checkt die FTD jeweils zum Jahresende, wie treffsicher die Konjunkturexperten bei ihrer Prognose für das deutsche Bruttoinlandsprodukt waren. Dafür werden die Vorhersagen von über 50 Banken, Organisationen und Instituten ausgewertet. Die Langfristrangliste ergibt sich aus der durchschnittlichen Platzierung über die gesamten neun Jahre.
Auf Platz zwei vorgeschoben hat sich in diesem Jahr Holger Schmieding, bis Mitte 2010 Europa-Chefvolkswirt der Bank of America Merrill Lynch und mittlerweile bei der Berenberg Bank. Dank seiner erneut guten Prognose für 2010 überholte er die Société Générale, die seit Auswechslung ihrer Europa-Chefvolkswirtin Véronique Riches-Flores stark abgefallen ist. Bemerkenswert: Zwei der drei Topprognostiker erstellten ihre Analyse der deutschen Wirtschaftsentwicklung aus der Ferne, von London beziehungsweise Paris aus. Auffällig dabei: Die Topplatzierten Carsten Klude und Holger Schmieding konnten in fast jedem der vergangenen neun Jahre einen Platz unter den ersten Zehn belegen. Viele andere waren bei ihren Vorhersagen deutlich weniger konstant.
Zum Beispiel die Bundesregierung. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hat den starken Aufschwung 2010 komplett verschlafen. In den beiden Vorjahren war das Wirtschaftsministerium hingegen deutlich treffsicherer und rangierte immerhin in den Top Ten. Insgesamt schwankt die Qualität der Regierungsprognosen stark. Daher kommt über die vergangenen neun Jahre mit Rang 27 nur ein Platz im Mittelfeld heraus.
Recht zuverlässige Prognosen liefern fast durchweg die erfahrenen Konjunkturexperten aus den großen deutschen Forschungsinstituten. Gleich sechs Institute rangieren unter den Top 15 – angeführt vom Ifo-Institut München auf Platz fünf. Einzig das früher angesehene Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) fallen heraus. Sie liegen deutlich abgeschlagen in der unteren Tabellenhälfte.
Regelmäßig schneidet auch das Gros der Landesbanken schlecht ab. Während ihre Kollegen von den privaten Geldhäusern vornehmlich in der oberen Tabellenhälfte zu finden sind, liegen LBB, HSH Nordbank und andere größtenteils am unteren Ende der Langzeitauswertung. Dort befinden sie sich in Gesellschaft von Organisationen wie dem Internationalen Währungsfonds, der EU-Kommission oder dem Industrieländerklub OECD. Diese Prognostiker haben jedoch einen Informationsnachteil: Sie müssen ihre Prognosen jedes Jahr deutlich früher abgeben als die anderen Teilnehmer.
Diese Ausrede gilt nicht für die Bundesbank. Die Frankfurter Notenbanker veröffentlichen erst seit drei Jahren ihre Konjunkturprognosen. Seit 2008 lagen sie damit aber jedes Mal deutlich daneben, sodass sie sich nun auf einem schwachen Platz 43 wiederfinden – problematisch, angesichts der Tatsache, dass diese Prognosen Grundlage dafür sind, welche Zinspolitik die Bundesbank als richtig einschätzt und im Rat der Europäischen Zentralbank empfiehlt.
Quelle: FTD, Basisdaten nach eigener Umfrage und aus Surveys
Langzeitrangliste der Prognostiker
Durchschnittliche Platzierung beim FTD-Check der Prognosen zum deutschen Bruttoinlandsprodukt: Zeitraum 2002 bis 2010
Rang
Durchschnittliche Platzierung zwischen 2002 und 2010
Institution
Platzierung bei der Prognose für 2010
1
9,0
M.M. Warburg
6
2
10,1
Bank of America Merrill Lynch
3
3
13,4
Société Générale
37
4
14,5
Union Investment
11
5
17,3
Ifo-Institut München
23
6
17,4
Goldman Sachs
2
7
17,9
SEB
19
8
18,4
RWI-Institut Essen
27
9
18,8
IMK-Institut
14
10
19
Morgan Stanley
20
11
19,4
Deutsche Bank
5
12
19,9
Dekabank
40
13
20,3
IWH-Institut Halle
18
14
22,2
IfW-Institut Kiel
46
15
22,4
HWWI-Institut Hamburg
42
16
23,6
Sal. Oppenheim
36
17
24,3
WGZ Bank
8
18
24,8
Bundesverband Dt. Banken
7
19
24,9
JP Morgan
-
20
24,9
BNP Paribas
33
21
25
Global Insight
31
22
25
Landesbank Berlin
44
23
26
Bank Julius Bär
24
24
26,3
Allianz
1
25
26,4
Commerzbank
4
26
27
Postbank
9
27
28
Bundesregierung
39
28
28,2
Hamburger Sparkasse
34
29
28,9
BHF Bank
50
30
28,9
West LB
43
31
29,3
Citigroup
16
32
29,8
IKB
13
33
29,9
HSBC Trinkaus Burkhardt
32
34
30
UBS
12
35
30
Helaba
17
36
30,3
DIW-Institut Berlin
28
37
30,4
Unicredit
15
38
30,6
Sachverständigenrat
22
39
31,5
NordLB
21
40
31,8
IW-Institut Köln
38
41
33,1
BayernLB
35
42
34,2
OECD
30
43
34,7
Bundesbank
29
44
35
HSH Nordbank
41
45
37
LB Baden-Württemberg
26
46
38,7
IWF
51
47
40,4
EU-Kommission
49
48
46,3
Gemeinschaftsdiagnose
48



