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Prognostiker des Jahres – Wer ist der Beste im Langzeittest?

23. Dezember 2010

Wir haben die Prognostiker seit 2002 ausgewertet. Im FTD-Check der Vorhersagen über neun Jahre liegt Carsten Klude von M.M. Warburg vorn.

Wer glaubt, dass gute Konjunkturprognosen reiner Zufall sind, der liegt falsch – das zeigt die FTD-Auswertung zu den besten Konjunkturprognosen im Schnitt der vergangenen neun Jahre. Hier schneiden einige Ökonomen regelmäßig gut ab – und andere liegen auffällig oft daneben. Der zuverlässigste Prognostiker ist nach der aktuellen Auswertung der Jahre 2002 bis 2010 erneut Carsten Klude von der Privatbank M.M. Warburg. Der Hamburger Ökonom verteidigte in der Langzeitauswertung seinen Titel aus dem vergangenen Jahr.
Seit 2002 checkt die FTD jeweils zum Jahresende, wie treffsicher die Konjunkturexperten bei ihrer Prognose für das deutsche Bruttoinlandsprodukt waren. Dafür werden die Vorhersagen von über 50 Banken, Organisationen und Instituten ausgewertet. Die Langfristrangliste ergibt sich aus der durchschnittlichen Platzierung über die gesamten neun Jahre.
Auf Platz zwei vorgeschoben hat sich in diesem Jahr Holger Schmieding, bis Mitte 2010 Europa-Chefvolkswirt der Bank of America Merrill Lynch und mittlerweile bei der Berenberg Bank. Dank seiner erneut guten Prognose für 2010 überholte er die Société Générale, die seit Auswechslung ihrer Europa-Chefvolkswirtin Véronique Riches-Flores stark abgefallen ist. Bemerkenswert: Zwei der drei Topprognostiker erstellten ihre Analyse der deutschen Wirtschaftsentwicklung aus der Ferne, von London beziehungsweise Paris aus. Auffällig dabei: Die Topplatzierten Carsten Klude und Holger Schmieding konnten in fast jedem der vergangenen neun Jahre einen Platz unter den ersten Zehn belegen. Viele andere waren bei ihren Vorhersagen deutlich weniger konstant.
Zum Beispiel die Bundesregierung. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hat den starken Aufschwung 2010 komplett verschlafen. In den beiden Vorjahren war das Wirtschaftsministerium hingegen deutlich treffsicherer und rangierte immerhin in den Top Ten. Insgesamt schwankt die Qualität der Regierungsprognosen stark. Daher kommt über die vergangenen neun Jahre mit Rang 27 nur ein Platz im Mittelfeld heraus.
Recht zuverlässige Prognosen liefern fast durchweg die erfahrenen Konjunkturexperten aus den großen deutschen Forschungsinstituten. Gleich sechs Institute rangieren unter den Top 15 – angeführt vom Ifo-Institut München auf Platz fünf. Einzig das früher angesehene Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) fallen heraus. Sie liegen deutlich abgeschlagen in der unteren Tabellenhälfte.
Regelmäßig schneidet auch das Gros der Landesbanken schlecht ab. Während ihre Kollegen von den privaten Geldhäusern vornehmlich in der oberen Tabellenhälfte zu finden sind, liegen LBB, HSH Nordbank und andere größtenteils am unteren Ende der Langzeitauswertung. Dort befinden sie sich in Gesellschaft von Organisationen wie dem Internationalen Währungsfonds, der EU-Kommission oder dem Industrieländerklub OECD. Diese Prognostiker haben jedoch einen Informationsnachteil: Sie müssen ihre Prognosen jedes Jahr deutlich früher abgeben als die anderen Teilnehmer.
Diese Ausrede gilt nicht für die Bundesbank. Die Frankfurter Notenbanker veröffentlichen erst seit drei Jahren ihre Konjunkturprognosen. Seit 2008 lagen sie damit aber jedes Mal deutlich daneben, sodass sie sich nun auf einem schwachen Platz 43 wiederfinden – problematisch, angesichts der Tatsache, dass diese Prognosen Grundlage dafür sind, welche Zinspolitik die Bundesbank als richtig einschätzt und im Rat der Europäischen Zentralbank empfiehlt.


Langzeitrangliste der Prognostiker
Durchschnittliche Platzierung beim FTD-Check der Prognosen zum deutschen Bruttoinlandsprodukt: Zeitraum 2002 bis 2010
Rang Durchschnittliche Platzierung zwischen 2002 und 2010 Institution Platzierung bei der Prognose für 2010
1 9,0 M.M. Warburg 6
2 10,1 Bank of America Merrill Lynch 3
3 13,4 Société Générale 37
4 14,5 Union Investment 11
5 17,3 Ifo-Institut München 23
6 17,4 Goldman Sachs 2
7 17,9 SEB 19
8 18,4 RWI-Institut Essen 27
9 18,8 IMK-Institut 14
10 19 Morgan Stanley 20
11 19,4 Deutsche Bank 5
12 19,9 Dekabank 40
13 20,3 IWH-Institut Halle 18
14 22,2 IfW-Institut Kiel 46
15 22,4 HWWI-Institut Hamburg 42
16 23,6 Sal. Oppenheim 36
17 24,3 WGZ Bank 8
18 24,8 Bundesverband Dt. Banken 7
19 24,9 JP Morgan -
20 24,9 BNP Paribas 33
21 25 Global Insight 31
22 25 Landesbank Berlin 44
23 26 Bank Julius Bär 24
24 26,3 Allianz 1
25 26,4 Commerzbank 4
26 27 Postbank 9
27 28 Bundesregierung 39
28 28,2 Hamburger Sparkasse 34
29 28,9 BHF Bank 50
30 28,9 West LB 43
31 29,3 Citigroup 16
32 29,8 IKB 13
33 29,9 HSBC Trinkaus Burkhardt 32
34 30 UBS 12
35 30 Helaba 17
36 30,3 DIW-Institut Berlin 28
37 30,4 Unicredit 15
38 30,6 Sachverständigenrat 22
39 31,5 NordLB 21
40 31,8 IW-Institut Köln 38
41 33,1 BayernLB 35
42 34,2 OECD 30
43 34,7 Bundesbank 29
44 35 HSH Nordbank 41
45 37 LB Baden-Württemberg 26
46 38,7 IWF 51
47 40,4 EU-Kommission 49
48 46,3 Gemeinschaftsdiagnose 48

Quelle: FTD, Basisdaten nach eigener Umfrage und aus Surveys

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