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Davos 2011 – Carmen Reinhart über den Weg zu weniger US-Staatsschulden

27. Januar 2011

Die US-Wirtschaftshistorikerin gehört zu den Ökonomen, die durch die Krise zu Ruhm gekommen ist. Mit Ken Rogoff hat sie die lange Geschichte der Finanzkrisen analysiert – und daraus Schlüsse über die Länge der darauf folgenden Rezessionen ziehen können, die aus keinem gängigen Mathematikmodell ableitbar sind. Jetzt ist sie dabei, den nächsten Schritt zu machen – und entwickelt eine ziemlich radikale Idee: eine Rückkehr zu Finanzmarktregeln der 50er- und 60er-Jahren. Um den Abbau der Staatsschulden überhaupt hinkriegen zu können.

Zu der Idee hat Reinhart bislang noch nichts veröffentlicht. Wie sie aussieht, hat sie im Interview hier in Davos schonmal erklärt.

Reinhart fordert, die Finanzmärkte einer stärkeren Regulierung zu unterwerfen, um ein Hochschnellen der Zinsen zu verhindern, wie es dies in Griechenland und Irland 2010 gab. Als Vorbild für eine solche Strategie nannte Reinhart den erfolgreichen Schuldenabbau in den USA und Großbritannien in der Nachkriegszeit. Damals habe es zum Beispiel Zinsobergrenzen gegeben. Dies habe die Kosten der Schuldenfinanzierung gedrückt. Allein mit radikalen Sparprogrammen oder Schuldenschnitten sei ein so hoher Schuldenüberhang, wie ihn die USA jetzt hätten, nicht abzubauen, sagte Reinhart, die an der Universität von Maryland lehrt, der FTD.

Das Urteil der Wirtschaftshistorikerin hat in den USA Gewicht. Sie hatte die Ausweitung der Finanzkrise auf Staaten prophezeit und gilt als eine der einflussreichsten Experten in dieser Frage.

Trotz des anziehenden Wirtschaftswachstums sei die Finanzlage der USA auf Dauer nicht tragbar, sagte Reinhart. Nur die Unternehmen außerhalb des Bankensektors seien in einer soliden Verfassung. Es sei daher wenig wahrscheinlich, dass die USA dank guter Konjunktur aus ihren Schulden einfach herauswachsen könnten. Dafür gebe es nach Finanzkrisen in der Geschichte auch nur wenige Beispiele. Die USA hätten jenes kritische Niveau der Staatsverschuldung von 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) überschritten, von dem an nach aller Erfahrung negative Auswirkungen auf das Wachstum überwiegen.

Als ebenso schwierig stuft Reinhart den Versuch ein, die Schulden allein über harte Sparprogramme abzubauen. Dies sei politisch kaum durchzuhalten. Ökonomisch könne es die Lage verschlimmern. Das lasse auch der jüngste Rückgang der Wirtschaftsleistung in Großbritannien ahnen, wo es ein besonders radikales Konsolidierungsprogramm gibt.

Solche Versuche dürften nicht ausreichen, wenn es nicht zugleich gelinge, die Zinsen möglichst unterhalb der Inflationsrate zu halten. Das Risiko sei, dass die Märkte auch die US-Zinsen hochtreiben. Und dann werde ein Abbau der Schulden immer schwieriger. In der Nachkriegszeit sei es umgekehrt sowohl den USA als auch Großbritannien dank entsprechender negativer Realzinsen gelungen, Staatsschulden von rund 100 und 200 Prozent des BIPs abzubauen.

Ein entscheidender Faktor sei damals gewesen, dass die Finanzbranche noch stark reguliert gewesen sei. Nach Reinharts Vorstellung könnte es für Pensionsfonds zum Beispiel wieder eine Pflicht geben, Staatsanleihen aufzunehmen. Eine weitere Möglichkeit sei, Zinsen zu deckeln. Gemessen an der Praxis der vergangenen Jahrzehnte wirke dies radikal. Allerdings habe es noch bis in die 80er-Jahre eine solche Finanzregulierung gegeben. Und zumindest die 50er und 60er seien keine wirtschaftlich schlechten Jahre gewesen, sagte Reinhart.

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