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Davos-Kolumne 2011 – Vorsicht, Amerika klaut uns die Angst

28. Januar 2011

In Davos treten die einst so selbstbewussten Amerikaner gerade den Beweis an, dass sie mindestens so gut jammern können wie wir. Das ist kein Grund zur Freude.

Es gehört ohne Zweifel zu den schönsten Nebeneffekten der Finanzkrise: Seit die US-Wirtschaft ihre Sorgloszeit beendet hat, machen die Amerikaner bei großen Treffen wie in Davos nicht mehr so viel Lärm, verzichten auf lautstarke Welterklärungen, reden deutlich leiser über die Gewissheiten des Wirtschaftens und heben nur selten noch dazu an, Anderen den eigenen Weg zu empfehlen – oder über erfolglose Länder wie, sagen wir, Deutschland zu spotten.

Jetzt übt Amerika deutsche Angst. Und Amerika hat auch einigen Grund dazu. Nur muss das für uns nicht unbedingt ein Grund sein, zurück zu spotten oder unsere Großartigkeit zu zelebrieren, wie es deutsche Wirtschaftsminister tun. Die Erfahrung lehrt, dass man nie so genau weiß, wer in ein paar Jahren mehr lacht.

Plötzlich ist alles schlecht

Jahrelang gehörte es zum USP der Deutschen, zum Unique Selling Point, eine Arbeitslosenquote von hartnäckig zehn Prozent zu haben. So ähnlich ist das jetzt bei den Amerikanern, weshalb jene wild die Frage aufwerfen, ob das jemals wieder anders wird. Kommt Ihnen bekannt vor? Klar, bei uns gab es auch mal Ökonomen, die uns eifrig sechs Millionen Arbeitslose versprochen haben.

Da phantasieren gestandene US-Manager über die anstehenden Kämpfe mit dem aggressiven Chinesen, der das Land mit günstigeren Produkten überschwemmt und den Wohlstand wegnimmt. Kennen wir. Hat man uns auch mal erzählt.

Da jammern US-Topökonomen mittlerweile fast unisono, dass Amerikas Arbeiter gar nicht präpariert seien für neue Jobs in neuen Branchen. Und dass das amerikanische Bildungssystem eine Katastrophe sei. Schön, dass wir bei uns in den vergangenen Jahren eifrig Bachelor und Master eingeführt haben (sogar unübersetzt) – es hieß ja immer, das US-Bildungssystem sei so toll. Und nun?

Da lamentiert Gary Cohn, der Chef der übermächtigen Investmentbank Goldman Sachs, man drohe als US-Bank abgehängt zu werden, wenn die US-Regulierer jetzt so viel regulieren, dass das schöne Geld woanders hinziehe. Und dass das Wirtschaftswachstum dann gebremst werde (was eher kurios klingt, wo die Schockwellen der Branchenkrise gerade ziemlich viel Wachstum gekostet haben).

Über all dem schwebt beim Davoser Elitetreffen noch etwas Gewichtigeres: die böse Vorahnung, dass die Finanzmärkte irgendwann aufhören könnten, Panikschübe und Spekulationslust über die Euro-Zone zu bringen – was sie bisher taten, weil es dort vor lauter Merkel-Zögern das inkonsequenteste Gegenhalten in der Krise gab. In Wirklichkeit sind die US-Staatsschulden höher als in der Euro-Zone, gibt es dort viel weniger überzeugende Bemühungen, daran etwas zu ändern.
Da ahnt mancher, dass die Marktzweifel sich bald auf die USA richten könnten. Dann hätte Amerika zu kämpfen mit einer Spirale aus steigenden Zinsen, dadurch wachsendem Schuldendienst, rabiater Konsolidierung und schwächelnder Wirtschaft. Griechenland grüßt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es so kommt, ist relativ hoch. Wann es so kommt, ist schwieriger zu sagen. Es geht ja um Finanzmarktakteure und die sind nicht immer erklärbar. Das Risiko reicht allerdings schon.

Ein Grund zur Freude ist das schon deshalb nicht, weil es für eine Exportnation wie Deutschland zu einem gigantischen Schock werden könnte, wenn Amerika die Kontrolle über seine Staatsfinanzen verlöre. Da helfen auch nervige Besserwissersprüche wenig, dass das alles nicht passiert wäre, wenn die Amerikaner solider gewirtschaftet hätten.

Ein zweiter Grund zu vornehmer Zurückhaltung ist das, was die Deutschen in den vergangenen zehn Jahren selbst erlebt haben: wie schnell sich Urteile über ein ganzes Land wandeln können – und wie schnell dann selektive Wahrnehmung einsetzt. Noch vor vier Jahren gab es beim Weltwirtschaftsforum anscheinend rein gar nichts Positives mehr über Deutschland zu sagen. Das Lamento damals: zehn Prozent Arbeitslose, zu wenig Wachstum, schlechte Wettbewerbsfähigkeit, zu wenig Innovationen, hohe Kosten, miese Bildung, ein krankes Gesundheitssystem und ungebremste Staatsverschuldung – alles furchtbar.

Jetzt haben die Amerikaner genau diese Probleme. Und die Deutschen werden in Davos nun als Beispiel dafür zitiert, dass es auf der Welt nicht überall so schlimm aussieht wie in den USA. Da scheint plötzlich alles zu stimmen. Das hat etwas absurdes So schnell können sich Länder gar nicht rundumverändern.

Natürlich hat Amerika nicht all seine wirtschaftlichen Pluspunkte verloren. Und natürlich war schon das Gejammer über die Deutschen vor zehn Jahren absurd. Es sind nicht die paar Reformen gewesen, die das ganze Land runderneuert haben.
Wenn Amerika heute Probleme hat, liegt das vor allem daran, dass eine Finanzblase geplatzt ist, was unweigerlich Schockwellen nach sich zieht.

Deswegen ist die Innovationskraft der Unternehmen nicht verschwunden. Und wenn es den Deutschen besser geht, liegt das auch daran, dass es erstmals gelungen ist, die Wirtschaft in einer Krise konjunkturell zu stützen, statt sie kaputt zu sparen. Dadurch ist in Deutschland nicht alles wunderbar. Derzeit gilt wohl eher der menschliche Reflex: der Erfolg gibt uns (in allem) Recht – egal, ob zurecht oder nicht.

Wer etwas genauer hinhört, kann spüren, dass Amerikas neue Jammerer auch viel grundlegendere Lehren aus der Krise ziehen: über die Grenzen von Markteffizienz und die Notwendigkeit, radikal neue Regeln für die Finanzbranche oder die Finanzpolitik zu definieren. Ähnliches gilt für die Unternehmen: Nirgendwo sind die Lohnstückkosten in der Krise so drastisch gesenkt worden wie in den USA; das gibt Potenzial für neue Exportschübe. Deutsche Regierungsmitglieder demonstrieren derweil naiven Marktglauben oder rezitieren selbstgerecht alte haushälterische Tugenden – obwohl die deutschen Staatsdefizite fast ausschließlich dank der prima Konjunktur gesunken sind.

Zu den politisch korrekten Standardsätzen US-amerikanischer Davos-Teilnehmer gehört es dieses Jahr, einzuräumen: „I do not have an easy answer“. Vielleicht ist das die beste Antwort, wenn es darum geht, eine Jahrhundertkrise zu verstehen und daraus allmählich die richtigen Lehren zu ziehen – um bei der nächsten Krise zu denjenigen zu gehören, die als letzte lachen. Da kann ein bisschen Angst sogar hilfreich sein.

fricke.thomas@guj.de

 

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