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Die Kolumne – Axel weg, Euro gut

11. Februar 2011

Das Lamento über den vertanen Deutschen an der EZB-Spitze ist unsinnig. Weder sind Bundesbanker Heilige. Noch ist gesagt, dass ein Südeuropäer den Euro nicht besser schützt.

Axel Weber möchte doch nicht mehr Chef der Europäischen Zentralbank werden. Und das Wehklagen ist groß. Seit die Unlust des Bundesbankchefs bekannt wurde, zetern deutsche Sorgenpäpste über den „schweren Schlag gegen den Euro“. Oder den Verlust von Frau Merkels „wichtigstem Mitstreiter“ beim Euro-Retten. Und dass jetzt wohl kein Deutscher EZB-Chef wird. Wie furchtbar.

Fragt sich nur, ob das wirklich so schrecklich ist. Und ob die Bundesbank und ihre Chefs noch so zweifelsfrei als Vorbilder taugen. Wer sich um die Währung wirklich sorgt, sollte vor so viel Klischeegedresche und ordnungsdeutscher Selbstherrlichkeit eher erschrecken.

Das gängige Urteil scheint selbst im Jahr zwölf des Euro unverrückbar – (nur) ein deutscher Zentralbankchef steht für harte Worte, ist gegen Inflation, verlässlich unabhängig und gibt lieber auf, als ein Prinzip anzutasten. Sie können sich ausmalen, wie das Urteil für Nichtdeutsche lautet.

In Frankreich sei man halt nie richtig dafür gewesen, die Notenbank unabhängig zu machen, tröten Anhänger des ordnungsliberalen Trommler- und Pfeiferkorps wie Friedrich Merz. Überhaupt sei man im Süden nicht so sehr für stabiles Geld. Klar, die verlieren gern Kaufkraft. Ob das stimmt, scheint egal.

Solches Gebrabbel klingt absurd, gemessen daran, was die betreffenden Länder in den ersten zehn Jahren an Notenbankern nach Frankfurt geschickt haben: vom kürzlich verstorbenen Tommaso Padoa-Schioppa über italienische Investmentbanker und spanische Wirtschaftsprofessoren bis hin zum Griechen Lucas Papademos. Dagegen wirkt mancher Ex-Bundesbankchef wie ein Volllaie.
Und die Unabhängigkeit? Kleine Erinnerung: In Frankreich durften die Menschen sogar darüber abstimmen, ob der Euro kommt und die Notenbank frei von politischem Einfluss bleibt. Es ist demokratisch albern, das immer wieder anzuzweifeln. Zumal der Franzose Jean-Claude Trichet zu den unbestrittensten Euro-Wächtern zählt. Klischee kaputt.

Die Deutschen sollten ohnehin aufpassen, nicht allzu hochtrabend daherzukommen. Es hat etwas ziemlich Groteskes, über eine angeblich mangelnde Unabhängigkeit bei anderen Kandidaten zu schwadronieren – und im gleichen Atemzug intellektuell durchzuwinken, dass auf Axel Weber bei der Bundesbank jetzt möglicherweise Jens Weidmann folgt, der als Chefökonom der Bundesregierung seit fünf Jahren im treuen Dienst der Bundeskanzlerin arbeitet. Auch der frühere Bundesbankchef Hans Tietmeyer diente vorher eifrig der Regierung. Und Ernst Welteke war SPD-Landespolitiker ohne Zentralbankerfahrung. Der trat übrigens zurück, weil eine Bank ihm Hotelnächte zur Euro-Einführung zahlte.

Schlechtes Vorbild

Gelegentlich schickten Landesregierungen zur Bundesbank auch wiederzuverwertende Innenminister. Kürzlich auch mal Krawallautoren wie Thilo Sie-wissen-schon (das hätten die Griechen mal tun sollen). Eine Glanzleistung deutscher Geldpolitik.

Der heutige Staatssekretär im Bundesfinanzministerium Jörg Asmussen ließ einst via SPD-Hans-Eichel seinen Professor Axel Weber an die Spitze der Bundesbank setzen. Nicht dass Weber deshalb Order vom Finanzminister bekam (oder Tietmeyer oder gar Sarrazin), klar. Nur sollten deutsche Lehrmeister einfach mal zwei Gänge zurückschalten.

Ein guter Notenbanker definiert sich weder durch Staatsangehörigkeit noch dadurch, wie oft er auf Sparkassentagen vor Inflation warnt; auch nicht dadurch, wie schnell er bei jedem Anfangverdacht die Zinsen anhebt. Sondern dadurch, dass er das dann tut, wenn die Gefahr wirklich ernst ist – und es lässt, wenn damit unnötig Schaden angerichtet wird.

Definiert man das so, kommen deutsche Währungshüter nicht mehr ganz so glorreich davon. Helmut Schlesinger erhöhte 1992 trotz einsetzender Rezession die Zinsen, was das Europäische Währungssystem implodieren ließ, bis deutsche und französische Regierungen die Bundesbank freundlich dazu brachten, die Attacken gegen den Franc zu kontern.

Ähnlich daneben lag Herr Weber, als er im Juli 2008 die Zinsen in der Euro-Zone anzuheben drängte – obwohl die Wirtschaft bereits auf dem Weg in die Rezession und das Ende des vorübergehenden Inflationsschubs absehbar war. So viel zur Kompetenz.

Den EZB-Experten sei erst Wochen nach der Lehman-Pleite aufgegangen, dass ihre Auktionen am Markt bei panischer Bankenstimmung zu absurd hohen Zinsen führe, sagt Peter Bofinger aus dem Sachverständigenrat: „Das war die dümmste denkbare Geldpolitik“ – gestützt vom deutschen EZB-Chefökonomen. Der Fehlgriff dürfte die Rezession unnötig verschärft haben.

Womöglich wird sich zeigen, dass es ein genauso großer Weber-Fehler war, 2010 aus überhastetem ordnungspolitischem Reflex Aufkäufe von Staatsanleihen durch die EZB zu bremsen. Länder wie die USA oder Großbritannien, die das viel großzügiger praktiziert haben, sind von Finanzpanikattacken trotz ähnlich hoher Staatsschulden verschont geblieben – Zufall oder nicht.

Vielleicht erweist sich die gute ordnungspolitische Treue in Krisenzeiten ja als Tücke – wenn die Prinzipienhalter vor lauter Grundsatztreue den nüchternen Blick verlieren. Und vielleicht ist es dann gar nicht so schlecht, jemanden an der EZB-Spitze zu haben, der aus einem etwas pragmatischer geprägten Kulturraum kommt – wo man einen Währungsraum nicht implodieren lässt, nur damit bloß kein heiliges Prinzip angekratzt wird.

Für die Zukunft des Euro könnte es auch aus einem ganz menschlichen Grund noch gut sein, nicht unbedingt einen Deutschen zum obersten Euro-Hüter zu machen – wo die EZB schon in Frankfurt sitzt, deutsche Statuten sowie durchgehend einen deutschen Chefökonomen hat und es dazu noch einen deutschen Stabilitätspakt gibt. Das geht auf Dauer nicht gut. Das schafft noch mehr Unmut über deutsche Dominanz, als uns Frau Merkels Zögern und Zicken in Sachen Euro-Rettung ohnehin eingebrockt hat.

In Deutschland zehrt die Bundesbank noch vom Mythos der Jahrzehnte. Und vom Usus, dass eine Notenbank kurioserweise nicht mal richtig Rechenschaft ablegen muss. In anderen Ländern guckt man genauer hin. Da müssen Notenbanker notfalls noch überzeugen. Gar keine schlechte Voraussetzung für einen EZB-Chef.

fricke.thomas@guj.de

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