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Kuriose Professorenrufe – Irren ist menschlich

25. Februar 2011

Es hat schon immer eine gewisse Verve, wenn deutsche Wirtschaftsprofessoren ihre mehr oder weniger wackligen Meinungen als Wahrheit verbreiten. Das gilt für das Plenums-Paper zum Euro-Rettungsschirm, das gestern bekannt wurde – und in dem eine erstaunlich gleichdenkende 90-Prozent-Mehrheit über die zumindest streitbare, weil bisher unklärbare Frage nach der Ausweitung von Rettungsschirmen urteilt. Es galt aber auch schon für den Aufruf, den der übereifrig-dogmatische Hamburger Professor und Initiator Bernd Lucke bereits im Frühjahr 2005 lancierte (und dem erstaunliche 300 Wirtschaftsprofessoren damals folgten). Der liest sich heute eher wie Realsatire.

Da polterten die Professoren mit Verweis auf angebliche Wissenschaftlichkeit, dass Nachfragepolitik ja des Teufels sei. Eine Aussage, die spätestens seit der Finanzkrise, gemessen am heutigen Konsens unter international führenden Ökonomen und nach diversen erfolgreichen Konjunkturprogrammen von Frau Merkel ziemlich peinlich klingt. Da hieß es noch großspurig, dass Deutschland ohne (weitere) “drastische und schmerzhafte Reformen” nicht aus der Krise kommen werde. Was ebenso Quatsch ist, da es seitdem eigentlich keine besonders drastischen Reformschübe mehr gab, die den Anspruch hätten erfüllen können – und die Krise jetzt trotzdem längst vorüber ist und es immer neue Tiefstände bei der Arbeitslosigkeit gibt (komisch, was?).

Damals behaupteten die Professoren auch noch, dass es falsch sei zu sagen, in einer Stagnation dürfe man sich nicht kaputtsparen – was mittlerweile (und international schon damals) ebenfalls zum wissenschaftlichen Konsens international zählt.

Und da wurden allen Ernstes all jene einfach mal für “unredlich und ignorant” deklariert, die sagen, dass Deutschland ein Hochlohnland bleiben muss. Das sagt mittlerweile ja selbst der BDI. Natürlich ist Deutschland nach wie vor ein Hochlohnland. Und die jüngste Entwicklung zeigt, dass das per se nicht vor hohem Wachstum und sinkender Arbeitslosigkeit abhält – anders als die wirren Professoren 2005 noch tönten.

Die unfreiwillig komischste Passage stand damals unter Punkt 10. Deutschland, befanden die Professoren damals, müsse “willens sein die (..) nötigen Anpassungen in ähnlicher Form zu leisten, wie z. B. Großbritannien, Finnland und (Anm: jetzt kommt’s) Irland dies erfolgreich getan haben”. Ach, ne. Jenes Irland also, das im neuen Großappell der schlauen Ökonomen zum Übel aller Übel deklariert wird – zu jenem Fall eines “überschuldeten” Landes, das dringend “strukturelle Reformen” braucht. Und für das wir bitte schön nichts zahlen wollen.

Ein Glück, dass Kanzler und Kanzlerin damals nicht auf die Professoren gehört und das irische Modell kopiert haben.

Umso erstaunlicher ist, wie selbstbewußt fast die selben (nach eigener Interpretation repräsentativen) Professoren jetzt wieder lospoltern. Obwohl kein einziger der Herren (selten auch Damen) nur ansatzweise vorhergesagt hat, dass es eine Finanzkrise oder europäische Schuldenkrise geben würde; und kaum einer bisher durch besonders überzeugende, akademisch fundierte Lösungsvorschläge aufgefallen ist (anders als viele Kollegen im Ausland). Vielleicht sollten sich deutsche Professoren einfach mit dem beschäftigen, was sie am besten können. Die Lösung von Finanzkrisen gehört bisher sicher nicht dazu.

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