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Können Deutschlands Ökonomen nicht einfach ehrlich sein, Herr Lucke?

1. März 2011

Professor Lucke vom “Plenum der Ökonomen” beschwert sich, dass seine Kritik am Euro-Rettungsschirm bei uns falsch widergegeben wurde. Wir würden den Volkswirten fehlerhafte Berechnungen vorwerfen, schreibt der Initiator des Aufrufs von 190 Wirtschaftsprofessoren aus der vergangenen Woche. Das tun wir aber gar nicht, wir sagen nur, Sie schauen auf die falschen Zahlen. Die Zahlen mit denen sie beweisen wollen, dass der Euro-Rettungsschirm in seinem jetzigen Volumen völlig ausreichend sei – in einem Stadium der Krise, deren Ausweitung nur gestoppt werden konnte, weil die Märkte auf eine Erweiterung des Rettungsschirms setzten durften.

 Und wir fragen uns besorgt, was wäre wohl an den Finanzmärkten passiert, hätten EU, Euro-Staaten und IWF im Mai 2010 gesagt: So, liebe Griechen, wir geben Euch zwar 110 Mrd. Euro damit ihre drei Jahre lang über die Runden kommt. Aber wehe, Ihr nutzt das Geld für mehr, als nur Eure alten Darlehen zurückzuzahlen. Ihr müsst sofort rabiat sparen, Ihr dürft mit einem Schlag überhaupt keine neuen Schulden mehr machen. Wir vermuten, das Land wäre längst pleite und den Euro-Raum gäbe es in seiner jetzigen Form längst nicht mehr.

Dass wir sehr wohl zwischen Refinanzierungsbedarf und Neuverschuldung unterscheiden können, kann jeder nachlesen: hier in der Zeitung und hier etwas ausführlicher im Wirtschaftswunder. Genau wie die Professoren haben wir uns die Berechnungen von Hans-Werner Sinn sehr genau angeschaut, infrage stellen wollten wir die Analysen hier und hier allerdings nie.
 
Der Finanzbedarf von Irland, Portugal und Spanien ohne Neuverschuldung liegt nach Sinn bis 2013 bei 310 Mrd. Euro. Das ist nach Recherchen des Volkswirts die Summe alter Kapitalmarktschulden dieser Länder, die sie zurückzahlen müssen, wollen sie nicht zahlungsunfähig werden. Wenn man noch eine erlaubte Neuverschuldung von 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hinzurechnet, werden es nach Sinn: 434 Mrd. Euro. Soweit so gut, alles beim Plenum und bei Voxeu.org nachzulesen.
 
Nun zum entscheidenden Punkt, Herr Lucke, der Ihnen gar nicht gefällt. Sie finden zur Einbeziehung der erwarteten Neuverschuldung: „Dies ist nicht nur unseriös, weil das Plenum dazu keine Aussage gemacht hat, sondern auch deshalb, weil die Neuverschuldung Spaniens, Portugals und Irlands bis 2013 niemandem bekannt ist.“
 
Jetzt nochmals die am Anfang gestellte Frage, was wäre wohl passiert, hätten EU, Euro-Staaten und IWF bei der Abschätzung des Finanzbedarfs keine Prognose für die erwartete Neuverschuldung berücksichtigt, als sie das Paket für Griechenland und später dann für Irland geschnürt haben?
 
Soll der Rettungsschirm, Ihrer Meinung nach, eigentlich Staaten retten, indem diese Länder für drei Jahre vom Kapitalmarkt abgeschottet werden, oder sollen die Länder doch lieber tiefer in den Abgrund gerissen werden, weil Regierungen plötzlich keine Ausgaben mehr tätigen können, weil sie kein frisches Geld mehr bekommen? Oder wollen Sie gar in der aktuell labilen Marktphase durch Schuldenschnitte die Krise beenden und dabei risikieren, dass sich die Krise nochmals verschärft?

Aber vielleicht will das “Plenum” auch gar nicht retten, vielleicht wollen die 190 Professoren auch den Euro-Raum in der jetzigen Form einfach nicht mehr, vielleicht wollen sie auch keine Gemeinschaftswährung mehr. Könnten die Ökonomen dann nicht wenigstens offen reden, statt die Öffentlichkeit unnötig zu verwirren.
 
ps: Herr Lucke schreibt: „Seriösem Journalismus hätte es übrigens entsprochen, dem Plenum Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben, bevor es öffentlich bezichtigt wird, fehlerhaft zu rechnen.“ Hätten wir das Plenum tatsächlich bezichtigt, fehlerhaft zu rechnen, hätte Herr Lucke natürlich recht gehabt.
 
pps: Wir finden Herr Sinns Berechnungen durchaus plausibel. Besonders seine jüngste Schätzung zum Volumen des Rettungsschirms, hat uns sehr gefallen, wo er auf 484 Mrd. Euro kommt. Sinn zweifelt zwar noch etwas, ob die Ratingagenturen vom Euro-Rettungsfonds EFSF tatsächlich 20 Prozent höhere Garantien der Länder für die Notkredite fordern.

ppps: Mit einem Blick in die FAQ des EFSF können wir aber gerne nachhelfen:

“What will be the lending capacity of the EFSF?

The EFSF has received the best possible credit rating off all major rating agencies (Standard & Poor’s “AAA”; Moody’s “Aaa”; Fitch Ratings “AAA”). This was achieved through credit enhancements foreseen in the agreement between the participants (framework agreement):

• an over-guarantee of 120 per cent on each bond. 
• an up-front cash reserve which equals the net present value of the margin of the EFSF loan.
• a loan specific cash buffer

Together these credit enhancements ensure that all loans provided by the EFSF are backed by guarantees of the highest quality and sufficient liquid resource buffers. The available liquidity will be invested in securities of the best quality. The extent to which such credit enhancements affect the maximum lending capacity depends on a number of variables, and cannot be exactly calculated up front.”

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