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Nachschlag: Verschwörungstheorien von Hans-Werner Sinn?

2. März 2011

Die Debatte um die richtige Summe des Finanzierungsbedarfs Spaniens, Irlands und Portugals sowie die Höhe des Rettungsschirms (siehe auch Herdentrieb: [1],[2],[3]) hat sogar noch eine komische Komponente. Die ernsthafte ist die, dass 189 oder 190 Ökonomen offenbar wenig  praktikables Verständnis davon haben, was man im Notfall zum Finanzierungsbedarf eines Landes zählen sollte. Und das Komische sind die Zweifel von Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, die man leicht als Verschwörungstheorie deuten könnte.

Leider liest Professor Sinn hier nicht mit, sonst hätten sich seine Zweifel an den Garantien des Euro-Rettungsfonds EFSF eventuell schon lange in Luft aufgelöst. Herr Sinn schreibt in einem Leserbrief in der FTD:

„Man kann sogar von der AAA-gesicherten Rettungssumme des Luxemburger Fonds noch ein Sechstel abziehen und den IWF-Beitrag entsprechend kürzen, um einen angeblich von den Ratingagenturen verlangten Sicherheitsabschlag zu berücksichtigen. Ich bin mir nicht sicher, ob das in Brüssel vorgebrachte Argument des Sicherheitsabschlags tatsächlich stimmt.“ (Hervorhebung A.K.)

Dann schauen wir doch mal nach, was die Ratingagenturen schreiben, hier mal beim EFSF zitiert – wir vertrauen vollends darauf, dass Herr Regling keinen Unsinn auf seine Webseite stellt:

S&P: “The rating on EFSF reflects our view that guarantees by ‘AAA’ rated sovereigns and freely available liquidity reserves invested in ‘AAA’ securities will, between them, cover all of EFSF’s liabilities”

Moody’s: “The (P)Aaa rating is based on EFSF’s contractual elements, including the irrevocable and unconditional guarantees by the participating states, EFSF’s cash reserve and the loan-specific cash buffer as well as the creditworthiness of the participating Aaa Eurozone Member States and their firm commitment to EFSF.”

Fitch: “The ‘AAA’ rating is based on the credit enhancement provided by the ‘overguarantee’ mechanism and cash reserves. The cash reserves will be sized to ensure that any potential shortfall of ‘AAA’ guarantor coverage of EFSF debt payments due in the event of a borrower default will be sufficient to meet all payments.” (Hervorhebung A.K.)

Also mindestens eine Ratingagentur sieht die Überdeckung als Bedingung für ein „AAA“ Rating. Und diese Überdeckung liegt bekanntlich bei: “Contribution Key x 120% x EFSF Obligations”. 120 Prozent Garantien heißt, dass die Summe möglicher Hilfskredite um 16,6 Prozent (100-100/120 Prozent) unter der Garantiesumme liegt oder um ein Sechstel, wie Herr Sinn richtig schreibt.

Da aber Herr Sinn wohl eine Ahnung davon hat, dass die Brüssler Politiker wohl doch irgendwie recht haben, schreibt er weiter im Leserbrief:

„Aber folgen wir einmal diesem Vorgehen. Dann kommt man immer noch auf eine AAA-gesicherte Rettungssumme von rund 480 Mrd. Euro. Auch dieser doppelt vorsichtig gerechnete Betrag ist noch 50 Mrd. Euro größer als der Finanzierungsbedarf einschließlich der Nettoneuverschuldung von etwa 430 Mrd. Euro.“

Genau da sind wir dann aber wieder am Anfang dessen, was wir am Montag hier und hier geschrieben haben: Nach Berechnungen von Hans-Werner Sinn übersteigt der Rettungsschirm den Finanzierungsbedarf der drei Länder gerade einmal um 12 Prozent. Und dann wären wir wieder an dem Punkt, der im November für Unruhe am Markt gesorgt hatte, als Investoren fürchteten, der Rettungsschirm könnte nicht ausreichen. Daher wollen die EU-Regierungschefs den Rettungsschirm auch so gestalten, dass er wenigstens die Summe von 750 Mrd. Euro an Notkrediten bereit halten kann, wie es den Investoren im Mai ja eigentlich versprochen wurde.

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