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Raphael A. Auer – Inflationsgefahr am Ende der Ära chinesischer Billigimporte

3. März 2011
Die hohe Inflation im aufstrebenden Asien greift auch auf Europa über.
Gerade Deutschland scheint von dieser Entwicklung besonders betroffen. Bedeutet das Ende der chinesischen Billigimporte auch das Ende des deutschen Wettbewerbsvorteils innerhalb der EU?


Die rasante Inflation in China und anderen aufstrebenden Ökonomien Asiens stellt eine große Gefahr für die Preisstabilität in Europa dar. Von der Gummiente bis zum Plasmabildschirm stammen viele unserer Konsumgüter fast ausschließlich aus dieser Region; insgesamt hat die EU 2009 342 Mrd. Euro an Gütern aus dem aufstrebendem Asien importiert, davon 215 Mrd. aus China. Zum Vergleich: die EU hat im gleichen Zeitraum für Importe von Öl, Gas, und Kohle (zusammen!) 290 Mrd. Euro ausgegeben.

Ganz Europa hat jahrelang von den billigen Importen aus dieser Region profitiert und die billigen Importe haben den Inflationsdruck deutlich gesenkt. Selbst eine vorsichtige Schätzung* ergibt, dass die Inflationsrate in Deutschland durch die asiatischen Billigimporte im Zeitraum von 1995 bis 2006 um durchschnittlich etwa 0,7 Prozentpunkte gesenkt wurde. Für Frankreich war der mildernde Effekt auf die Inflation etwas geringer (im Durchschnitt 0,5 Prozentpunkte). Nur in Italien hatten die ostasiatischen Importe einen zu vernachlässigenden Preiseffekt, was wahrscheinlich an der traditionellen Struktur des italienischen Einzelhandels liegt.

Jetzt, da das Lohnwachstum in China und anderen aufstrebenden Ökonomien Asiens explodiert und sich die Ära der Billigimporte dem Ende zuneigt, wird dieser Preisimpuls umkehrt. In der Europäischen Union wird das nicht nur eine generell steigende Inflationsrate zur Folge haben; es wird auch zu einer deutlichen Divergenz der Inflationsraten einzelner Euroländer kommen.

Die Einfuhren aus den ostasiatischen Schwellenländern spielen in der deutschen oder auch belgischen Ökonomie eine wesentlich größere Rolle als in den südeuropäischen Ländern. Zum Beispiel importierte Deutschland 2009 für rund 63 Mrd. USD Waren aus China, fast genauso viel wie Frankreich, Griechenland, Italien, Portugal und Spanien zusammen. Auch relativ zur Größe der Ökonomie ist China als Handelspartner für Deutschland deutlich wichtiger als für die letztgenannten Nationen.

Deutschland hat in den letzten Jahren mehr als andere Länder von den Billigimporten profitiert und wird daher auch einem höheren Inflationsimpuls ausgesetzt werden, wenn die Preise in Asien weiter steigen. Diese Inflationsdivergenz zeichnet sich schon heute ab. In den letzten sechs Monaten war die Inflation in Ländern mit einem hohen Anteil chinesischer Importe deutlich höher als im Rest Europas.

Dabei stehen wir gerade erst am Beginn der importierten Inflation. Denn noch haben sich die Preise von Industrieerzeugnissen aus der ostasiatischen Region nur leicht erhöht. Daten aus den USA belegen aber, dass die Importpreise aus Hong Kong, Singapur, Süd Korea und Taiwan gerade jetzt stärker ansteigen. Auch die weiterhin hohe Inflation und insbesondere das ansteigende Lohnwachstum in China legen nahe, dass bald ein starker Preisschub zu erwarten ist.

Die Inflationsraten in der Eurozone werden deshalb in naher Zukunft stark auseinander driften. Diese Entwicklung könnte zu heftigen Diskussionen im Rat der Europäischen Zentralbank führen, da Länder wie Deutschland bald deutliche Zinssteigerungen anstreben werden, während die südlichen Länder für eine Fortführung der gegenwertigen Niedrigzinspolitik sind.

Obwohl die jetzigen Entwicklungen ein deutliches Konfliktpotenzial mit sich bringen, sollte man nicht vergessen, dass dieser Prozess auch die Lösung des wichtigsten strukturellen Problems des Euro-Raums bedeutet: Das interne Wettbewerbsungleichgewicht. Letzteres wurde durch divergierendes Lohnwachstum seit der Einführung des Euro verursacht und hat zum großen Handelsüberschuss Deutschlands gegenüber dem Rest der Eurozone geführt.

Der Preisanstieg asiatischer Importe wird insbesondere die Inflationsrate in Deutschland erhöhen. Diese steigenden Konsumentenpreise werden wiederum steigendende deutsche Löhne zur Folge haben. Schon jetzt – etwas mehr als ein Jahr nach der schlimmsten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg – ist die hiesige Arbeitslosigkeit auf dem tiefsten Stand seit der Wiedervereinigung; es ist schwer, sich Umstände vorzustellen, die nicht dazu führen werden, dass die deutschen Gewerkschaften bald kräftige Reallohnsteigerungen einfordern – und diese auch bekommen.

Lohnanstiege in Deutschland aber bedeuten Konvergenz der Lohnstückkosten in der Eurozone und damit einen ausgeglicheneren intra-europäischen Handel. Obwohl dies für Traditionalisten unter den deutschen Wirtschaftspolitikern schwer vorstellbar ist, scheint es zum jetzigen Zeitpunkt, dass höhere Inflation in Deutschland die wahrscheinlichste Art und Weise ist, durch die der langfristige Zusammenhalt der Eurozone gesichert werden wird.

Der Autor ist stellvertretender Leiter der Abteilung Aussenhandel und Kapitalverkehr der Schweizerischen Nationalbank und LISD Research Associate an der Princeton Universität.

Die in diesem Artikel gemachten Aussagen sind die des Autors und nicht die der Schweizerischen Nationalbank.

*Raphael Auer, Kathrin Degen and Andreas Fischer, 2011. “Low-Wage Import Competition, Inflationary Pressure, and Industry Dynamics in Europe” Working Papers 11.02, Swiss National Bank, Study Center Gerzensee

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