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Die Kolumne – Moralisch ins Desaster

11. März 2011

Erst drosch Angela Merkel auf offenbar schludernde Staaten ein, jetzt geht es gegen Lohnzuwächse. Den Kern trifft beides nicht: das peinliche Versagen der Finanzmärkte.

 

Erst gab’s in der Krise Merkel’sches Zögern, jetzt scheint die Kanzlerin in Fahrt. Fast monatlich kommen aus dem Kanzleramt Vorschläge gegen das Euro-Gewackel – ob härtere Strafen für schuldengeplagte Regierungen oder Drohungen gegen Staatsanleihebesitzer, neuerdings auch gegen Lohnzuwächse. Klingt nach Tatkraft.

Nur eins scheint es nicht zu bewirken: dass die Krise vorbeigeht. Kurz vor dem Euro-Gipfel an diesem Freitag gerieten Portugiesen und Spanier wieder unter Beschuss der Finanzmärkte, von Ratingagenturen herabgestuft. Da drängt sich der Verdacht auf, dass am Selbstverständnis Merkel’scher Krisenpolitik etwas nicht stimmt. Zu Recht. Was aus Berlin bisher kam, ist von der Ur-Annahme getrieben, dass die Krise vor allem und im Grunde eine gerechte Strafe für unmoralisches Verhalten (anderer Länder) ist – und dass es jetzt gilt, Moral und Ordnung zu diktieren.

Das passt zwar zum deutschen Klischee von der stabilitätskulturellen Unterentwicklung im Rest der Welt. Und es scheint auf den ersten Blick durch Schuldenstatistiken gedeckt. Nur könnte sein, dass es den Kern der Krise nicht trifft. Denn der liegt womöglich eher im Versagen destabilisierter Finanzmärkte. Da hilft es wenig, à la Merkel Lohnvorgaben oder Stimmentzug für Defizitländer zu dekretieren. Da helfen im Zweifel dann nur noch radikale Markteingriffe.

Ein Pakt gegen AutounfälleErst schoss sich die Kanzlerin in der Krise darauf ein, Regierungen mit gestiegenen Staatsschulden zu bestrafen. Dann fiel auf, dass ja Irland und Spanien eingangs gar keine hohen Schulden hatten, dafür aber, sagen wir, gestiegene Löhne. Also werden jetzt stark gestiegene Löhne bekämpft – mit dem Pakt für Wettbewerbsfähigkeit. Wenn morgen auffällt, dass in Krisenländern auch ziemlich viele Autounfälle passieren, wird die Kanzlerin ihren Pariser Kuschelfreund auch noch dazu kriegen, einen Pakt gegen böse Autofahrer zu erfinden. Warten Sie’s ab.

Merkels ökonomisches Weltbild ist in sich durchaus stimmig. Wenn das Kriseln im Euro-Raum wirklich nur von mutwillig schludernden Regierungen, staatlich abgesicherten Staatsanleihehaltern und unerhört prassenden Arbeitnehmern rührte, müsste man – wie die Kanzlerin seit 2010 – mit Hilfen erst mal warten, bis der Grieche heroisch spart. Dann müsste man drohen, dass Anleger Geld verlieren, wenn sie Anleihen (irgendwann mal pleitegehen könnender Staaten) kaufen. Dann wäre naheliegend, künftig laut zu schimpfen, wenn die Löhne in einem Land mal schneller steigen. Und dann wären hohe Zinsen und Pleitegerüchte die gerechte Strafe der Märkte.

Das Problem ist, dass dieses Weltbild zur Realität nicht passt. Wenn die Märkte effizient funktionierten – warum fielen die CDS-Ausfallprämien für große Banken noch Tage vor Ausbruch der Finanzkrise 2007 auf ein Rekordtief? Komplettversagen. Warum wurden auf griechische Staatsanleihen bis 2009 kaum Risikoprämien verlangt, obwohl das Land seit Jahren relativ hohe Defizite hatte? Und warum gab es kurz darauf höhere Aufschläge als in der Ukraine? Warum gerieten US-Amerikaner und Briten bisher nicht unter Druck – bei weit höheren Staatsdefiziten als durchschnittlich im Euro-Raum? Und warum sank die Risikoprämie nicht, als die Griechen exakt das Megakürzungspaket durchzogen, das IWF, EU und Merkel wollten? Warum geriet im Oktober 2010 dann urplötzlich Irland unter Beschuss – obwohl dieselben Finanzmärkte kurz davor noch von Irlands Vorbildsparkurs schwärmten und das Bankenproblem schon Wochen bekannt war? Jetzt sind die Löhne schuld. Ein Grund findet sich immer.

Es gehört viel blindes Vertrauen dazu, all das noch als magische Weisheit des Marktes zu deuten. Plausibler ist, dass sich in der Euro-Zone die Finanzkrise seit 2007 fortsetzt, weil die Regierungen im Finanzdesaster viel Geld für Rettungsaktionen aufnehmen mussten. Und weil Finanzmärkte in solchen Zeiten noch schneller Herdentriebe entwickeln, sich Vertrauenskrisen verselbstständigen. Und weil den Finanzmärkten seit dem Lehman-Schock das Maß zur Risikoabschätzung abhandengekommen ist, weil blindem Vertrauen panikartige Risikoscheu folgte und die Euro-Zone zum Beispiel dafür wurde, wie Ansteckungseffekte ein Land nach dem anderen erfassen – wenn nicht schnell Garantien ausgegeben werden, wie es Briten oder Amerikaner taten. Womit wir wieder bei Frau Merkel wären: Warum die Euro-Zone?

Der deutsche Moralkurs steht in logisch unlösbarem Gegensatz zu dem, was bei dysfunktionalen Finanzmärkten zur Krisenlösung nötig ist: schnelles Gegensteuern statt Zögern; niedrige Zinsen statt Strafzinsen; und möglichst große Garantien als Schutz gegen Spekulations- und Panikattacken statt knapper Rettungsschirme, wie es eine Zweihundertschaft deutscher Moralökonomen kürzlich empfahl. Tolle Krise.

Wer einem Absaufenden zur Strafe für fahrlässiges Ins-Wasser-Fallen noch einen Betonring ans Bein hängt, darf sich nicht wundern, dass der Betreffende dabei zwar eine Menge lernt, am Ende aber recht tot ist.

Beides geht nicht. Entweder man gibt den Moralapostel und will potenzielle Schluderer abschrecken. Dann verschlimmert man in Zeiten akuter Marktdesorientierung die Krise, weil ohnehin schon kriselnde Länder dazu noch Zinsen zahlen müssen, die selbst Deutschland in die Pleite treiben würden. Oder man sorgt erst dafür, dass Kriselnde gerettet werden und die angeschlagenen Märkte wieder funktionieren. Dann ist jede moralische Strafaktion kontraproduktiv – weil sie die Krise verlängert, ohne zu garantieren, dass künftige Krisen ausbleiben, schon weil die Aktion am Effizienzmangel destabilisierter Finanzmärkte nichts ändert.

Die Kanzlerin sollte aufhören, der Herde hinterherzulaufen – und stattdessen alles tun, was vor neuen Pleite- und Panikattacken abschreckt. Dann können Rettungsschirme nicht groß genug sein, dann muss man für Euro-Anleihen und Ankäufe von Staatsanleihen durch Notenbanken sein. Nicht dagegen. Nicht weil das Geld wirklich fließen soll. Sondern aus Eigeninteresse. Weil es der beste Garant ist, die Finanzmärkte wieder in die Normalität zurückzuholen.
Bisher hat Frau Merkel die Krise mit erstaunlichem Selbstbewusstsein verschlimmert. Jetzt ist mal gut. Hilft ja nichts, wenn vor lauter Moral selbst solidere Euro-Länder in den Pleitesog geraten – und Deutschland irgendwann hinterherfällt.

E-Mail fricke.thomas@guj.de

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